21 days – 14/21

14/21

Das letzte Bild, das du machst..

Er sinkt heute schnell in warme Töne ab, bleibt nicht so lange, so klar stehen wie sonst, wölbt sich  mit der tiefen Wolkendecke in ein weiches Pink, ins Lila, wird immer dunkler und verschwindet fast darin – reißt dann aber doch noch einmal auf und lässt einen letzten Blick zu, auf den Sonnenuntergang, der sich hinter der Wetterfront verbirgt, der sich nicht festhalten lässt, nur immer wieder passiert. Morgen wieder, morgen vielleicht sanfter, morgen ohne mich.

Es ist mein letzter Abendhimmel hier in Mpumalanga. Wir sind extra noch einmal zu Fuß über die lange Wiese hinter dem Farmhaus spaziert um einen freien Blick darauf zu genießen. Neben uns grasen ein paar Schafe, die erst aufschrecken, als sie den Hund entdecken, der zwischen uns läuft. Ich hocke mich in das hohe Gras, warte noch einen Moment ab, bis ich glaube, dass der Himmel seine letzte, schönste Szene zeigt. Dann beginne ich zu fotografieren. Man weiß nie, welches Foto das finale ist, das man von einem Ort schießt, das man später im Flugzeug findet, wenn man die SD-Karte in das Lesegerät steckt, sich durch die Dateien sucht, ein paar vergessene Aufnahmen findet und dann an der letzten hängen bleibt.

Realität – jetzt schon?

Bis eben hatten wir in der Küche gestanden, zu dritt, weil ich allein nie bis zum Abendessen fertig geworden wäre. Ich hatte mir vorgenommen für alle zu kochen, als Dankeschön und um mich zu verabschieden – Geflügel, das ich langsam im Ofen garte, dazu glasierte Karotten, selbstgemachter Rotkohl und gefüllten Kartoffelklöße. Es war meine abgewandelte, improvisierte Variante eines klassischen Festtagsdinners. Ich benutzte, was ich im Kühöschrank fand. Statt einer Ente gab es zwei Brathühnchen und statt den Rotkohl einfach zu kaufen und abzuschmecken, hobelte ich ihn zum ersten Mal selbst. Nach zwei Stunden sah ich ein, dass ich Hilfe brauchen würde gut 30 Klöße zu formen, Croutons zu schneiden und zu braten, drei Kohlköpfe zu hobeln und dabei das restliche Gemüse und das Geflügel nicht zu vergessen. Während wir gemeinsam den Teig kneteten, den Zustand in den Töpfen bewachten, den Tisch deckten, Wein einschenkten und die erste Flasche selbst tranken, versicherten wir einander immer wieder, dass das hier nicht unser letztes gemeinsames Essen sein würde. In ein paar Monaten würde ich zurückkommen, vielleicht sogar schon im August, wenn der Lockdown sich lösen würde. Wir schmiedeten Pläne, planten gemeinsame Wochenende mit Freunden, die einander noch gar nicht kannten, vielleicht ein paar Tage Camping in den Cederberg Mountains oder ein Roadtrip nach Swasiland. Wann immer einer von uns schwieg, kurz vor war aus unserem Gespräch auszusteigen und wieder zurück in die Realität zu fallen, machte einfach jemand einen neuen Plan.

Und  erst jetzt, während das letzte bisschen Licht sich entzog und es langsam kalt und feucht im Gras wurde, begriff ich, dass nicht nur ich noch nicht bereit war die Farm einfach so zu verlassen – sondern dass wir alle noch nicht wirklich einsehen wollten, was diese weltweite Pandemie für unsere Zukunft bedeuten würde. Gemeinsam hier zu sein, das Leben an diesem Ort anzuhalten, die Blase zuzulassen, in der wir seit zwei Wochen lebten, in der wir uns gefunden und kennengelernt hatten – das war surreal gewesen, aber hatte fast schon gutgetan, uns entschleunigt, nicht ausgebremst.

Mit meiner Abreise, bekam sie einen ersten Riss und machte auch allen anderen Familienmitgliedern klar, dass das alles hier – nicht für immer bleiben konnte, nicht einmal so lange bleiben konnte, bis die Welt wieder in Ordnung wäre.
Die Realität, die kommende Unsicherheit der nächsten Monate rollte auf uns zu, auch wenn wir sie jetzt, wenigstens heute Abend noch ausschließen wollten. 

So lange wir wach blieben, so lange wir hier an einem Tisch saßen, würden wir weiter träumen, Karten spielen, Gläser nachfüllen, über den nächsten Sommer reden und uns zum Abschied umarmen, einmal lang, aber nicht zu lang, immerhin konnten wir jetzt noch einmal an der angelehnten Haustür sagen: "Schlaft gut, bis Morgen..." 

...ein natürlicher Fokus, eine neue Entfernung 

„Ich hab deine Familie wirklich gern..“, sage ich, als er den Motor des Pick-Ups ausschaltet, und langsam vor das Bootshaus rollt. Ich schaue zu ihm, lächle, müde, ein bisschen erschöpft, aber vor allem glücklich, in diesem kleinen Moment. Er beugt sich zu mir, küsst mich.

„Das gleiche haben meine Schwestern und meine Mutter auch gerade über dich gesagt. Und dass sie dich vermissen werden.“

„Wirklich?“, frage ich, bevor ich nachdenken, bevor ich mich kontrolliert kann. Ich klinge überrascht.

„Ja … warum? Wirkt es nicht so?“

„Doch, es ist nur… ich.. ich freu mich, ich meine, ich bin nicht so gut mit ersten Eindrücken…“

„Wie kommst du darauf?“, er sieht mich verwundert an, lehnt sich wieder in seinen Sitz zurück, mustert mein Gesicht.

„Ich weiß nicht, Menschen die mich nicht kennen, oder kaum kennen oder – oder einfach nur von außen erleben, die finden vermutlich manchmal, dass ich arrogant wirke oder zu intensiv oder zu anstrengend..“, ich unterbreche mit selbst, versuche die Worte neu zu finden, die sich gerade so unerwartet einen Weg bahnen und mir dabei dennoch den Hals zuschnüren.

„Warum sagst du das über dich?“

„Ich weiß es gar nicht. Vielleicht … aus Selbstschutz? Es wäre nicht das erste Mal, dass ich mich wohl fühle und dann erst später erfahre, dass die Menschen, bei denen ich mich so wohl gefühlt hab eigentlich fanden, dass ich … nicht so richtig zu ihnen passe. Weißt du?“

Ich atme tief aus, will vor allem Tränen vermeiden, will auf keinen Fall weinen, nicht an unserem letzten Abend.

„Ich weiß nicht, wer diese Menschen sind und warum sie so denken, ich weiß nicht, was sie von dir gesehen haben – aber ich weiß, wie ich dich sehe, wenn ich dich erlebe, mit mir, mit meiner Familie, mit deinen Freunden, mit Menschen aus deinem Alltag, wie den Security-Jungs aus deinem Bulding dem Kellner im Hunke oder dem Barista im 117 gegenüber. Ich habe noch niemanden gesehen, der dich nicht nach ein paar Momente schon gern gehabt hätte, ohne dass du dich darum hättest bemühen müssen. Du gewinnst Menschen für dich Lina, die ganze Zeit. Du hast mich für dich gewonnen, ohne dass du es gemerkt hast. Mich hattest du nach zwei Runden UNO. Meine Mum hast du übrigens schon gehabt, als du zuerst die Hunde und dann alle anderen begrüßt hast..“

Ich muss lachen, wische mir mit den Händen durch das Gesicht und dann mit den Fingerknöcheln über meine feuchten Wimpern. „Ich glaube – du bist nur zu intensiv oder nicht du selbst, wenn du dich zu sehr bemühst, weil du dich längst beobachtest oder beurteilt fühlst. Du hast so eine Gabe Antipathien gegen andere, aber auch gegen dich zu spüren, ohne dass sie ausgesprochen werden müssen –  nur konzentrierst du dich dann viel mehr darauf ein paar dieser Menschen umzustimmen, als die zu sehen, überhaupt zu bemerken, neben denen du dich viel wohler fühlen könntest. Die werden neben denen, die dich nicht schätzen und die du jetzt so unbedingt vom Gegenteil überzeugen willst – fast unsichtbar.“

Ich weiß nicht, ob er noch von einem Gefühl, von einer allgemeinen Beobachtung – oder vielleicht sogar von sich selbst, von uns spricht. Aber ich bleibe sprachlos. Weil er diesen Kern in mir so genau getroffen hat, genauer als ich selbst. Aber vor allem, weil ich es ihm nicht zugetraut hatte.

Eines stimmte, wäre er nur Wochen früher in mein Leben gekommen, ich hätte ihn übersehen, ich war selbst jetzt noch kurz davor gewesen. Ich hatte Menschen wie ihn schon früher getroffen, sie zu spät überhaupt erst bemerkt oder gewollt  – und darum ziehen lassen müssen.

Ich hatte mich, immer wieder, viel zu oft darauf versteift, verkopft und daran festgebissen  ein Gegenteil zu beweisen, mich zu beweisen oder meinen Platz zu erkämpfen, den ich ständig wieder zu verlieren drohte, anstatt ihn dort zu finden oder einfach anzunehmen, wo er sich ganz natürlich anfühlen durfte… Aber vor allem hatte ich kaum bemerkt, dass sich genau dieser instinktive, ewige Fokus gerade zu verändern begann. Und ich wollte, dass er es weiterhin tat, auch wenn ich ein paar Stunden schon nicht mehr neben ihm, nicht mal mehr auf diesem Kontinent aufwachen würde…

..... kapitel 15/21 erscheint am 02.07.2020

Das Cabin Diary ist ein kostenloser Inhalt auf www.linamallon.de

Ich möchte den Blog auch in Zukunft genau so offen und ohne paywalls gestalten, um auch weiterhin dem Grundgedanken zu entsprechen, mit dem ich ihn 2011 gegründet habe. 

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Lina 

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Comments

  • Sehr schön… man fühlt Zeile für Zeile mit und taucht in deine Geschichte ein. Das ist ein absolutes Geschenk!

  • Liebe Lina
    ein weiteres wunderbares Kapitel deines cabin diary’s. Ich fühle so mit dir mit, jedes mal. Weil ich in einer ganz ähnlichen Situation stecke…
    vielen lieben Dank für deine tollen Texte und noch schöneren Fotos <3

  • So schön! Mir sind fast die Tränen gekommen beim Lesen, weil es mir genau so geht und ich mich aus Selbstschutz auch so darstelle, obwohl ich gar nicht so negativ über mich denken will und das auch am ändern bin. Und weil ich auch endlich weiss, wie es sich dann anfühlt vollkommen akzeptiert und geliebt werden für wie man wirklich ist und das langsam auch annehmen zu können. Konnte das so nachempfinden, dass ich gleich einen Kloss im Hals hatte.
    Ich bin eigentlich eher eine stille Leserin, aber irgendwie hat mich das so bewegt, dass ich es loswerden musste! <3

  • Ahhh, es ist sooo schön!!!! Deine Sensibilität, dein Schreibstil… einfach hach, da geht mir so das Herz auf. Ich finde gerade nicht die adäquaten Worte, aber ich bin wirklich begeistert. <3

    Ich habe mal eine Frage. Die Sonne geht doch sehr früh unter in Südafrika, oder? Wie ist das eigentlich, macht das die Abendstimmung nicht auch sehr anders? So etwas wie helle Sommerabende gibt es ja dann gar nicht, oder?

    Achso und by the way, ich würde dir sofort eins von den Schaffotos im Großformat abkaufen! 🙂

  • Danke <3
    Ich fühle so mit bzw komme ich mir ertappt vor..
    Nur das es bei mir in die andere Richtung geht, eher "zu wenig". Die Zurückhaltende, die ruhige, was auch gerne mal als arrogant eingestuft wird.
    Der Schmerz ist jedoch der gleiche…

    Ich kann nur immer wieder sagen, ich liebe deine Art eine Story näher zu bringen.

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