21 chapters – 9/21

9/21

„Afrikanischer Staat mit fünf Buchstaben…“

„Kenia?“
„Mit einem G als Anfangsbuchstaben…“
„Ghana?“
„Mhhh, dann passt das senkrechte Wort nicht mehr …“ „Gabun?“

Während ich die Kästchen fülle, schenkt er uns Tee nach. Behält seine Tasse in der Hand und stellt meine auf den Fenstersims hinter uns. Ich liege ausgestreckt auf dem Bett, mein Kopf lehnt bequem auf einem Kissen und in seinem Schoß. Mit einer Hand kraule ich den kleinen Spaniel, der sich neben mir zusammengerollt hat, mit der anderen halte ich die Zeitung, in der wir mittlerweile das dritte Kreuzworträtsel angefangen haben, weil wir bei den ersten zweien nicht weitergekommen waren.

Es ist ein später, fauler Nachmittag, bisher waren wir nur für einen Spaziergang vor der Tür. Noch immer ist es kühl hier unten, je näher man dem Wasser kam, desto frischer wurde die Luft, zwar hatte der Regen aufgehört, aber der Wind war geblieben. Die 17 Grad, die das Thermometer heute angezeigt hatte, fühlten sich in einer kleinen Cabin, ohne Sonne oder irgendeine Wärmequelle, ohne Ofen aber mit einfach verglasten Fenstern auf einmal nicht mehr nach einem späten Sommer, sondern nach Herbst an. Es war nicht mehr zu ignorieren, er kroch näher, die südliche Hemisphäre begann Stück für Stück an Temperatur zu verlieren. In einem der Schränke hatte ich eine Wolldecke gefunden, die jetzt quer über uns lag. In seiner Reisetasche noch ein paar grob gestrickte Pullover. Mein eigener trocknete gerade auf einer der gespannten Leinen auf der Terrasse. Ein schwarzer Hoodie, den Maggie mir nur ein paar Stunden vor Abfahrt von der Waterfront mitgebracht hatte, weil das wärmste Kleidungsstück in meinem Koffer ein dünner Cardigan gewesen war.

Seit ein paar Stunden lagen wir jetzt hier, erst hatten wir im Backgammon gegeneinander verloren, dann miteinander geschlafen, irgendwann gegrillten Käsetoast im Bett gegessen, eine Flasche Wein geöffnet und jetzt, während er durch eine Zeitschrift über das Fliegenfischen blätterte, seine Hand sich um mein Gesicht gelegt hatte und seine Finger meine Kinnlinie streichelten, rätselte ich.​

...das echte Bild, kommt noch.

Als sich doch noch ein Sonnenuntergang abzeichnet, oder zumindest die Chance darauf, dass das Licht noch einmal durch die Wolken brechen könnte, stehe ich auf. Ich ziehe mir die Ärmel über die Finger, hänge mir die Kamera über die Schulter und laufe nach draußen. Der schönste Winkel, um das Bootshaus zu fotografieren, liegt direkt unter den zwei Trauerweiden und nahe unserer Trinkwasserquelle, vielleicht 40 Meter vom Deck entfernt. Ich habe diese eine Fotostrecke im Kopf, die ich gerne machen möchte, wenn sich der Himmel einfärbt. Nicht in das flimmernde, klare Gold, das man von vielen Aufnahmen aus Mpumalanga kennt. Sondern dieses letzte Stück Rot, das sich abzeichnet, wenn die Sonne ihre Kraft loslässt und das Licht um uns langsam ins Magenta rutscht.

Durch die Feuchtigkeit und die Regenfälle der letzten Tage ist das Gras dort getränkt, schon nach ein paar Schritten beginne ich einzusinken. Ich ziehe mir die Schuhe aus, kremple den Saum meiner Hose nach oben und wate barfuß weiter. Als ich zwischen den Zweigen ankomme, einen festen Boden finde und das Stativ aufstelle –  ist die Wolkendecke wieder geschlossen. Früher hätte ich das Foto trotzdem gemacht, am Ende mit Hilfe von Tastenkombinationen und kleinen Tricks versucht das Beste aus dem Motiv herauszuholen, es so lange zu verändern, bis das Potential, das ich darin gesehen hatte, zumindest wieder zu erkennen – aber eben doch nicht zu haben war. Heute fühlen sich diese Bilder, wenn ich sie noch einmal ansehe, oft erzwungen an. Ich spüre regelrecht, wie angestrengt ich hatte diesen kleinen Funken warme Stimmung herausarbeiten müssen, dass er nicht echt, keine Erinnerung, sondern Teil einer Vorstellung war, die ich von diesem Bild gehabt hatte.

Ich schalte die Kamera aus, schraube sie vom Kopf es Stativs wieder ab. Es ist kein verpasstes Bild. Es ist eins, dass ich nicht gemacht habe, weil ich weiß, darauf vertrauen kann, dass das bessere, das echte Bild, noch kommt.

...bin ich sicher?


Es dauert einen Moment, bis das Wasser warm wird. Unter der Cabin heizt eine Gastherme in zwei Kammern das Wasser auf, über eine Pumpe gelangt es nach oben, in das kleine Badezimmer. Ich drehe den Haupthahn auf und lasse dann vorsichtig immer mehr heißes Wasser über die zweite Leitung dazu. Es erfordert ein bisschen Fingerspitzengefühl die richtige Temperatur zu finden, drehte man nicht genug auf, blieb die Dusche lau, aber nur ein ein paar Grad Drehung mehr und der Wasserstrahl erhitzte sich viel zu schnell. Als ich die perfekte Temperatur gefunden habe, mich unter dem Regen aufwärme und entspannte, bleibt ein Gedanke hängen.

Das gleiche, ruhige Gefühl, die Geduld in mir, die mich jetzt in der Fotografie begleitete, hatte ich auch in meinen Dates gefühlt. Gerade in den letzten Monaten, vor allem aber in den letzten Wochen, in denen wir uns. kennengelernt hatten.

Nichts an uns war erzwungen gewesen. Unser erstes Date hatte erst ich und dann er verschoben bis es irgendwann nicht mehr ein Drink und ein Samstagabend, sondern ein Sonntagnachmittag wurde, wir zusammen in einer Bar Karten spielten und uns noch vor Sonnenuntergang wieder verabschiedeten. Als unser zweites Date dann kürzer wurde als geplant, weil ich noch zum Abendessen mit Freunden verabredet war und selbst als er bei unserem dritten gut eine Stunde auf mich warten musste, weil ich mit den Gästen unserer Weintour im Verkehr steckte und nicht wie geplant einfach auf der Kloof Street schnell herausspringen konnte, spürte ich keinen Stress, nicht dieses Gefühl, dass unser Funken am seidenen Faden hing, dass ich stetig über Hürden springen musste, weil sonst meine Chance verpuffen würde. Ich musste nicht meinen Job, meine To Dos, meine Möglichkeiten und wie früher so oft gefühlt das Schicksal biegen, damit wir uns trotz widrigster noch Umstände treffen konnten, damit ich nicht unseren Moment verpasste –  er passierte einfach immer dann, wenn wir uns sahen.

Ich hatte früher oft das Gefühl gehabt, dass zwischen mir und dem, den ich wollte, das Universum stand. Ich hatte immer geglaubt, dass so vielen Geschichten, die fast so wunderbar angefangen hatten, immer nur deshalb endeten, sich verrannten oder strauchelten, weil das Timing uns im Weg stand, weil irgendeine höhere Macht entschieden hatte, dass wir uns nicht kriegen sollten, egal wie sehr ich es auch wollte. weil wir den letzten Abend verpassten, der vielleicht alles verändert hätte, weil ich in dem Moment, in dem er mich wollte, in einem anderen Land, auf einem anderen Job war oder das spontane Wiedersehen auf irgendeiner Party fehlte – und sich auch einfach nicht erzwingen ließ.
Eine ganze Zeit lang hatte ich fast schon auf Chancen gelauert, sie gegriffen, bevor sie sich überhaupt entfalten konnten, sie damit vielleicht sogar erstickt, nur weil ich sie nicht wieder verpassen wollte, weil sie gefühlt so selten –  einfach kamen. Ich wollte nicht warten, ich wollte Momente nicht ziehen lassen, passiv bleiben, bis sie vielleicht zurückkamen, ich sie vielleicht aber auch nie wieder sehen würde, ich wollte sie selbstbestimmt greifen und sie formen. Und das schien mir wie ein guter Plan, noch immer. Aber er veränderte sich in dem Moment, in dem ich nicht mehr nach ihnen griff, sondern sie erzwingen wollte.

Wir, das hier, war nicht erzwungen, es war von außen gekommen – und dann ganz schnell gegangen. Ich fühlte mich mit ihm nie, als würde eine Uhr ablaufen und hätte ich in dieser herunter tickenden Zeit nicht genug Nähe, genug Funken zwischen uns entfacht, wären wir vorbei. Ich musste nicht noch mehr Intimität vorsichtig, wie eine Blase größer werden lassen, ich musste nicht still im Bett liegen bleiben, die Welt ignorieren, um noch ein bisschen länger genießen zu können, wie nah wir uns in diesem Augenblick waren. Es ging nichts kaputt, wenn ich mich bewegte. Ich konnte aufstehen – und dann zurückkommen. Der Moment wäre noch da. Er war – sicher?


Als ich im Türrahmen gelehnt stehe, hat er den Laptop aufgeklappt,. Auf dem Bildschirm verkaufte Joe Goldberg ein Buch, lächelte liebevoll – und besiegelte damit ein anderes Schicksal final. Und auch in seiner Vorstellung war Liebe etwas, für das er kämpfen, für die er Herausforderungen und Krisen überwinden, große Opfer bringen musste, weil sie sich nicht einfach so einstellte. Bei dem Gedanken, dass Joe Goldberg, Serienkiller aus New York, für einen Bruchteil unserer Beziehungen und der Art, wie wir Millenials sie finden, leben oder festhalten wollten stand, bekomme ich Gänsehaut.

Ich lege mich zu ihm, lasse mich in seinen Arm ziehen. Er küsst meinen Haaransatz, umarmt mich fest. Diese Geste fühlt sich längst vertraut an. Wir verschränken unsere Finger miteinander, ich schlinge mein Bein um seine Hüfte und spüre, wie wir zwei immer weicher werden, ineinander sinken. Ich muss über keine Bewegung mehr nachdenken, ihm nahe zu kommen, das ist längst muscle memory.

Und auf einmal fühle ich, wie mein Herz schneller klopft. Sicherheit. War das mein Gefühl? Als ich mich entschieden hatte mit ihm hierher zu fahren, da war das ein Sprung gewesen, ins Ungewisse, in eine völlig unbekannte Situation, ich prüfte uns nicht durch, ich entschied zu sehen, wo wir landen konnten. Und ich hatte es nicht eine Sekunde bereut, ich tue es auch jetzt nicht. Aber auf einmal überlege ich, kann den Gedanken nicht aufhalten: diese Ruhe, die ich sonst in seiner Nähe fühlte und die ich bisher nur genossen, aber nicht hinterfragt hatte, war das eigentlich – Sicherheit?
Das Wissen, dass er nirgendwohin ging? Und wollte ich das schon? So sicher sein?

..... weiter zu kapitel 10/21 

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Comments

    • Wow, ich bin sprachlos. Dein Cabin Diary ist mein schönstes Ritual am morgen, wenn die Welt draußen noch ein kleines bisschen leise ist, genieße ich deine Worte neben dem ersten Kaffee des Tages. Du schreibst mir aus der Seele – und dabei weiß ich das noch nicht mal, dass ich genau so denke, bevor ich deine Texte lese.

      „Es ging nichts kaputt, wenn ich mich bewegte.“
      Danke.

  • Ach Lina, Ich habe das Gefühl mit euch als unsichtbarer Gast in der Cabin zu sein. Rieche förmlich den Tee, höre die Dielen und würde ganz bestimmt den Spaniel streicheln.

    Weiß ganz genau was du meinst mit deinen nicht zu verpassenden Chancen, dem Timing..

    Freu mich auf mehr, wie’s mit der Sicherheit weitergeht.

  • … oder ist es vielleicht die Sicherheit, die du fühlst weil du weißt, egal ob er geht oder bleibt, ob du gehst oder bleibst, es ist okay. Weil du an diese Situation keine Erwartungen hast nimmst du sie wie sie kommt. Und wenn sie geht, ist es okay. Und wenn beide dasselbe fühlen, gibt es keine Verletzungen sondern nur zwei erwachsene reflektierte Menschen, die dankbar sind für den Moment den sie genießen durften und die Akzeptanz der Unsicherheit was als nächstes kommt.

    Tolle Strecke Lina, ich freue mich auf jeden neuen Teil.

  • Ich liebe diese Fotos, ich liebe dieses Gefühl, das du vermittelst und ich liebe diese Ruhe, die du in deinen letzten Kolumnen ausstrahlst.

  • Ich habe deine früheren 20something columns ab und an gelesen, das hat mich aber nie so wirklich gecatcht, vielleicht falsches Thema für mich, keine Ahnung.

    Aber mit dieser Serie hast du mich. Du schreibst wahnsinnig gut, das hast du auch schon früher, aber tatsächlich bist du mit dem hier (für mich) unglaublich gewachsen, Wahnsinn! Ich liebe es, tatsächlich fühlt man sich beim Lesen , wie dein Schatten, so nah ist man dir.

    Großartig! Alles Liebe für dich.

    Sabrina

  • Welch wunderschöne Worte, so bildhaft berührend.
    Oh und wie sehr ist mir das Gefühl von falschen Augenblicken, falscher Zeit am falschen Ort und dem Herz, das dann was will wenns eh nicht geht. Vermeintlich verpassten Chancen und jetzt erzwungene Entschleunigung.

  • Ich lese diese Strecke seit dem ersten Tag und freue mich immer riesig, wenn wieder ein neues Kapitel online geht.

    Gerade heute finde ich so viel Trost in dem was du schreibst. Sitze hier mit Tränen in den Augen, weil ich mich in deiner Beschreibung so sehr wiederfinde. Auch ich hatte oft das Gefühl es liegt am Timing. Hatte Angst davor den Moment zu verpassen. Im Moment bin ich wieder genau in einer solchen Situation. Doch diesmal fällt es mir leichter zu vertrauen. Darauf, dass der richtige Moment noch kommen wird. Genau wie dein perfektes Foto.

    Ich freue mich schon riesig auf das nächste Kapitel deiner Reihe!

    • Ich lese diese Strecke seit dem ersten Tag und freue mich immer riesig, wenn wieder ein neues Kapitel online geht.

      Gerade heute finde ich so viel Trost in dem was du schreibst. Sitze hier mit Tränen in den Augen, weil ich mich in deiner Beschreibung so sehr wiederfinde. Auch ich hatte oft das Gefühl es liegt am Timing. Hatte Angst davor den Moment zu verpassen. Im Moment bin ich wieder genau in einer solchen Situation. Doch diesmal fällt es mir leichter zu vertrauen. Darauf, dass der richtige Moment noch kommen wird. Genau wie dein perfektes Foto.

      Danke <3

  • „Es ist kein verpasstes Bild. Es ist eins, dass ich nicht gemacht habe, weil ich weiß, darauf vertrauen kann, dass das bessere, das echte Bild, noch kommt.“

    SO gut! <3

  • Ich habe gerade alle Kapitel auf einmal gelesen und kann nur sagen: weiter so! Wie und was du schreibst – das geht ins Herz!

  • Liebe Lina,

    warum machst du das Datum des nächsten Kapitels immer fest, obwohl es eh nie eingehalten wird?

    Gruß
    Linda

  • Ich war immer nur ab und zu hier, wurde nie völlig gepackt. Aber jetzt bin ich fasziniert und warte sehnsüchtig auf jeden neuen Teil ?

  • Ach Lina – du schreibst so wunderbar <3
    Danke! Für dein Buch und jedes neue Kapitel. Und die wunderschönen Fotos. Ich freu mich nicht nur auf die nächsten Kapitel, sondern auch auf das nächste Buch, was ganz, ganz, ganz bestimmt irgendwann geschrieben sein wird.

  • Ich liebe liebe liebe dieses Cabin Diary. ? Dankeschön für diesen Einblick. Durch die tollen Fotos, versetzte ich mich immer in diese Region, in das ländliche, in die Stille. Top Artikel, vielen Dank fürs teilen. ? man kann sich gedanklich immer dahin träumen, so nah und ehrlich wird es erzählt! Liebe auch deinen Schreibstil!

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