21 chapters – 8/21

8/21

Erst höre ich ein lautes, unnatürliches Scheppern, sofort danach ein unruhiges, noch wütenderes Klirren, das sich jedoch binnen Sekunden dämpft. Und dann nichts mehr.

Ich drehe mich zur Badezimmertür um, ziehe sie auf und entlasse die warme Feuchtigkeit, die sich nach meiner langen Dusche hier gefangen hält, in einem Schwall nach draußen.Noch bevor ich klar sehen kann, einen Schritt auf die Dielen machen könnte, steht er vor mir, hält mich auf. „Bleib genau da stehen..“ 
Hinter ihm liegen zerbrochene Schalen, Unterteller und Becher, in seiner Hand hat er eine volle Kaffeetasse, die zwischen der Menge den Scherben und dem angeschlagenem Porzellan wie ein letzter Überlebender wirkt.
Auf dem Herd dünsten ein paar Pilze, daneben stehen rohe Eier, die er vermutlich gerade noch hatte aufschlagen und zu Omelettes machen wollen.
Die Türen des Hängeschrankes stehen weit offen, in der Mitte der Holzkonstruktion hängt ein zerbrochenes Regalbrett. 
Bis vor ein paar Sekunden hatte darauf fast das gesamte Frühstücksgeschirr der Cabin gestanden. Teller mit Zwiebeldruck, ein paar unsortierte, farblose Schalen und Tassen mit grafischen Tierfiguren darauf. Den Fuchs hatte es erwischt, den Löwen auch, die Eule in seiner Hand – hatte leider Glück gehabt.

„Hast du die für mich geopfert?“
„Eigentlich wollte ich dir nur einen Kaffee machen. Aber naja, hast gesagt, du machst dir Sorgen..“

Er zuckt mit den Schultern, sieht irgendwie fehlplatziert aus. Ich schlage mir die Hand vor den Mund und muss lachen, erst leise, als dürfte ich mich gar nicht so sehr über so viel Zerbrochenes amüsieren, dann lauter, stecke ihn an, lasse diese Erleichterung, die kleine Euphorie, die mit 15 oder sogar 30 Sekunden ehrlichem Lachen unseren Körper irgendwie weniger schwer macht, dankbar zu.
Eben noch hatte ich mir angestrengt, mechanisch die Zähne geputzt, nachdem ich fünfzehn Minuten einfach nur unter dem heißen Wasser gestanden und ins Nichts gedacht hatte. Ich hatte mich abgetrocknet, eingecremt, mir die gleiche bequeme Hose angezogen, die ich seit Tagen trug, mir die Zähne geputzt und das Arganöl einwirken lassen, dass ich immer in die Spitzen massierte, damit sie keinen Schaden nahmen, wenn ich die Knoten meiner nassen Locken meistens mit wenig Geduld ausbürstete und mir gewünscht, dass es den gleichen, ummantelnden Schutz für meine Gefühle geben würde, wenn die ersten Rezensionen, vielleicht aber auch gar keine, mein Buch durchkämmen würden.

Heute war der 03.04.2020. Heute würde mein erstes Buch schnell.liebig auf den Markt kommen. Und ich konnte es nicht einmal in der Hand halten. Nicht durchblättern, nicht den noch frischen Leim zwischen den Seiten riechen, über die glatte Oberfläche oder die starke Neonfarbe des Covers streichen. Man sagt ein Buch wird erst dann wahr, wenn er gedruckt ist, man es selbst festhält und noch einmal darin liest. Meines war zwar gedruckt, getrocknet und gebunden, aber ich gerade 9982km davon entfernt. Und ich hatte nicht einmal ein beständiges Signal, um mit meinen mobilen Daten die Entfernung zu verkürzen. Gestern hätte es eine große Party geben sollen, vor gut 50 Gästen wollte ich zum ersten Mal Schnell.liebig vorstellen, ein Barkeeper hatte im Vorfeld einen Cocktail kreiert, der nicht nur zu dem Gefühl meines Buches, sondern auch seinem Cover passte. Ich hätte auf einer Bühne sitzen und mein Lieblingskapitel vorlesen, dann Freunde umarmen und anstoßen sollen. Der Plan war schon vor Wochen gestorben. Aber seit zwölf Stunden zurück in meinem Kopf.
Mein erstes Buch würde heute in keinem einzigen Laden liegen. Es wurde nicht veröffentlicht, es war bestellbar. Das war alles. Ob es so überleben, überhaupt die Mindestauflage verkaufen könnte, wusste niemand. Fünf Jahre hatte ich es geplant, immer wieder daran geschrieben, es entwickelt, mein ganzes Gefühl hineingesteckt. Binnen weniger Tage waren von einem vollen Interview-Plan, einer groß geplanten Lesereise und sogar angesetzten TV-Auftritten, nur noch löchrige, mit Bleistift verschobene Termine geblieben.
Bis hierher hatte ich versucht die negativen E-Mails meines Verlags zu ignorieren, die Chancen in dieser Krise zu sehen und dem Selbstmitleid keinen Platz zu bieten. Aber seit gestern Abend hatte es den Fuß in der Tür. Ich war verunsichert, ich war traurig und ängstlich, dass mein Buch heute nicht frisch und wild auf den Markt geworfen wurde, um sich zu behaupten, sondern einfach nur lautlos ins Bodenlose fiel.

Was hättest du heute gern getan?

Ich setze mich auf die Platte des kleinen Esstisches, der mir am nächsten steht, damit meine nackten Füße ein paar Zentimeter über dem Boden blieben. Als er mir vorsichtig die volle Tasse reicht, nehme ich einen Schluck. „Danke für den Kaffee.“, ich lächle ihn an. Jetzt schon wieder ein bisschen matter, als eben noch. Er gibt mir einen Kuss, hält meinen Nacken fest und sieht mich an. „Ich weiß, dass du dir den Tag irgendwie anders vorgestellt hast. Und ich weiß, dass du deine Freunde in der Stadt vermisst und sie gerade heute gerne um dich hättest, wenn du schon nicht mit all denen aus Deutschland feiern kannst . Also … sag mal, was würdest du machen, wenn du heute nicht hier, sondern in Kapstadt aufgewacht wärst“

„Maggie hätte mich bestimmt mit einem Brunch überrascht. Auf jeden Fall mit Mimosas. Und wir hätten angestoßen und die Gläser so lange nachgefüllt, bis die Flasche leer gewesen wäre. Und dann auf dem Balkon gesessen und geredet und das Leben für absurd, aber den Moment trotzdem für genau richtig gehalten. Das geht am besten mit ihr.“

Ich warte noch einen Moment, bis er die ersten Scherben zusammengefegt hat und mir einen kleiner Weg zurück ins Schlafzimmer räumt. Erst mache ich das Bett, dann sitze ich darauf und versuche zumindest für einen kurzen Moment ein paar Nachrichten zu empfangen. Meine Eltern gratulieren mit in einer Sprachnachricht, die ersten Freunde melden sich in unserem Gruppenchat. Sonst bleibt es still, ein ganz normaler Wochentag in einer Zeit, in der die meisten beginnen zu vergessen, welchen wir eigentlich haben. Ich ziehe mir gerade einen Hoodie über und streiche mir die feuchten Haare aus dem Gesicht, als es an der Tür klopft.
Als ich sie öffne, hält er eine Flasche in der Hand. „Also – Maggie und Jorge kann ich dir nicht bringen, sondern nur meine Schwester und meine Mutter. Und das hier ist auch kein Champagner, sondern irgendetwas, das wir noch im Keller gefunden haben. Aber wenn du magst – dann stoßen wir jetzt einfach da draußen auf der Terrasse mit dir an.“

Ich hatte an diesem Morgen noch keine Ahnung, wie viel Glück mir die ungewollten Scherben, die geköpfte, viel zu süße Flasche Pongracz, wirklich bringen würden, aber als ich auf den roten Holzdielen stehe, mich umarmen und mir nachschenken lasse, da fühle ich ein Stück davon. Viel davon, an einem Ort, von dem ich auf meiner Suche danach, noch gar nichts wusste.


..... weiter zu kapitel 9/21 

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Comments

  • Liebe Lina, ich liebe es, was du mit Wörtern schaffst – Bilder, Gefühle, einen kleinen Film, der vor dem inneren Auge abläuft. Und ich liebe diese Cabin-Reihe so sehr, sie ist soso stark, sowohl von deinem Schreiben als auch den Bildern her, und die perfekte Auszeit an jedem Tag, an dem ein neues Stück online geht. Zwischendurch bin ich ehrlich traurig, weil ich weiß, dass sie irgendwann vorbei ist. Aber bis dahin freue ich mich jedes Mal sehr über ein neues Kapitel. <3

  • Ich freue mich jedes Mal, ein neues Kapitel zu öffnen und in diese kleinen Alltagsmomente einzutauchen.
    Ich freu mich schon auf die folgenden!
    Und weil du gestern so etwas angedeutet hast.. ich würde dieses Cabin Diary liebend gerne auch in nicht-digitaler Form bewundern und immer wieder durchlesen und mich wegträumen. (Gerne auch mit deinen wunderschönen Bildern wie im Capetown Magazin)
    Ganz liebe Grüße an dich und einen schönen Tag dir

    • ooooh das freut mich sehr, vor allem weil wir da im hintergrund gerade ewtas planen ..

  • ich kann dich so gut verstellen, dinge (wichtige dinge) in den händen zu halten, sind so wichtig um sie wahr werden zu lassen.

    • Es war auch um ehrlich zu sein nicht das gleiche Gefühl, als ich dann in Deutschland landete und es in die Hand nehmen konnte.. der moment war einfach so ein bisschen weg…

  • Liebe Lina,

    Ich habe Gänsehaut bekommen. Es ist schön zu lesen, dass du so liebe Menschen bei dir hattest, die diesen Moment für dich besonders gemacht haben. Ich freue mich auf die nächsten Kapitel!

    Liebe Grüße 🙂

  • Diese süße Geste von ihm, die hat mich gerade echt ein bisschen zum Weinen gebracht – im Positiven. Ich liebe deine Cabin Diaries und freue mich auf jedes davon und ich gönne dir den Erfolg mit deinem Buch von Herzen!
    Liebe Grüße,
    Kathi

  • Ich freue mich auch jedes Mal so sehr, wenn ein neues Kapitel rauskommt und mache gerade eine Pause von meiner Masterarbeit, um deine Worte zu lesen. So berührend, diese Reihe.

  • Liebe Lina, dein Cabin diary ist etwas, was mich egal wann ich es in deiner Story sehe, sofort innehalten und kurz abschalten und in deine Story eintauchen lässt. Spannend zu lesen, wie du an dem Tag der Veröffentlichung gefühlt hast. Und noch schöner zu wissen, wie sehr doch dein Buch – absolut zurecht – Anklang gefunden hat. Habe es vorgestern erst weiterverliehen, an eine Bekannte meines Freundes die danach gesucht hat, weils überall ausverkauft ist. Freu mich jetzt schon mich danach mit ihr drüber auszutauschen, genauso wie auf dein nächstes Kapitel hier 🙂

  • ….es ist so tief, so berührend, so echt…deine Worte! Ich tauche ein in deine Geschichte und bin weg…und tatsächlich hatte ich gerade Tränen der Rührung in den Augen! Eine so schöne Geste von ihm.
    …ich freu mich auf die nächsten Chapters…du schreibst so toll…eine tolle Gabe! ?? Danke!

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