21 chapters – 11/21

11/21

"Ein Nachspiel?" 

Erst bleibe ich liegen, schlafe sogar noch einmal wieder ein.
Dann rege ich mich in seiner Umarmung, strecke meine Beine aus, lehne mein Gesicht erst kurz an seine Brust, dann doch wieder ins Kissen. Ich bin wach, aber bleibe still. Sonst würde ich einfach aufstehen, Wasser kochen, mir Kaffee machen. Gerade traue ich mich nicht. Gerade hätte es vielleicht etwas anderes zu bedeuten, als sonst, als noch in der ganzen letzten Woche. Ich könnte ihn küssen, aber ich warte ab. Ich hoffe, dass er von allein, von meinen Bewegungen wach wird, dass er mich ansieht, dass ich dann weiß, welcher Tag heute werden kann.
Ein neuer? Ein stiller? Ein Nachspiel?

Zwischen Angst und Ärger?

Als er gestern Abend gefahren war, hatte ich nicht gewusst, für wie lange ich allein in der Cabin sein würde, wann er wiederkommen würde, ob er mit mir stritt, ob er mir oder sogar dem ganzen Konflikt aus dem Weg ging. Ich wusste noch nicht, ob er sich für eine lange Nacht mit Rotwein und Zigaretten oben im Farmhaus entscheiden – oder schon nach einer Stunde zurückkommen würde. Ich hatte es darauf ankommen lassen.

Ich war bereit zu streiten. Ich war bereit zu reden. Ich war bereit zu schweigen. Und ich entschied nicht einmal, welche Szenario mir lieber wäre. Ich fühlte mich sicher. Ich war sicher, dass ich wütend war. Ich war sicher, dass er irgendwann zurückkommen musste. Und ich war sicher, dass wir irgendwann miteinander reden würden. Ich war nicht sicher, ob er mich verstehen würde, ob wir uns vertragen oder Abstand voneinander nehmen würden. Aber ich war sicher, dass ich damit klarkäme.

***

Ich setze mir gerade Teewasser auf, als ich die Lichter über den Hügel neben dem Bootshaus zurückkehren sehe. Er parkt, steigt nicht sofort aus. Vielleicht raucht er, vielleicht nutzt er das Datennetz draußen noch eine Weile, bevor es hier drinnen wieder still werden würde. Ich sah nicht nach. Ich nahm den Kessel von der Flamme und ließ das Wasser auf den Tee fallen. Rooibos braucht fünf, manchmal sogar zehn Minuten um zu ziehen. Er braucht nicht ganz so lange.

„Ich habe dir eine Powerbank mitgebracht. Und Abendessen, falls du möchtest.“
„Dankeschön.“

Ich schließe das Kabel an, warte auf das Leuchtsignal meines Bildschirms. Das Essen decke ich zu und stelle es in den Kühlschrank. Er setzt sich an den Küchentisch, sortiert seine Skizzen. Ich setzte mich auf den freien Platz ihm gegenüber, schweige mit ihm, habe nicht das Bedürfnis zu sprechen, aber will ihn oder mich auch nicht fern halten. Als ginge das, hier überhaupt.

„Hast du keinen Hunger?“
„Nicht mehr, nein.“, mein iPhone zeigt 21:00 Uhr an. Hätten wir noch Wein hier unten, ich würde jetzt welchen trinken.
„Willst du darüber reden, warum du so sauer auf mich bist?“, fragt er. Er sagt den Satz wie etwas, das er hinter sich bringen muss, wie eine Erwartung, die er nicht gerne erfüllt. Als wäre er Zuschauer und jetzt gegen seinen Willen im Fokus.

„Willst du?“
„Was meinst du?“
„Willst du gerade mit mir reden? Oder bist du gerade vielleicht genau so genervt wie ich und würdest lieber schweigen? Dann ist das nämlich auch ok.“
„Also willst du nicht reden.“
„Nicht zwingend jetzt, nicht in dieser Atmosphäre, während wir beide so angespannt und mechanisch sind, nein. Dann rede ich gerade lieber nicht.“ 

 


Ich weiche seiner Frage nicht aus, beantworte sie, lasse diesen Satz so stehen. Traue mich, erkläre ihn nicht, meine ihn. Halte ihn und die Stille, die jetzt wieder folgt, aus. Und es fühlt sich ehrlich an.

Er rollt sich eine Zigarette, nimmt sie mit nach draußen, bleibt dort auf dem Deck stehen. Ich sehe ihn nicht mehr, nur noch den Tabak, wenn er ab und zu aufglimmt. Ich hole eine Wolldecke und eines der Bücher aus dem Schlafzimmer, setze mich in einen der großen Holzsessel, ziehe die Öllampe näher zu mir, drehe den Hahn weiter auf, um ihr mehr Kraft und Sauerstoff zu geben. Dann beginne ich zu lesen.

„Du hast recht, ich bin auch genervt. Ich bin genervt, dass ich aufwache und du im anderen Zimmer sitzt, nicht mit mir sprichst, nur weil ich eingeschlafen bin. Und es ist auch nicht so, als hätten wir deswegen ein großes Dinner verpasst. Als ich oben angekommen bin, waren schon alle in ihren Zimmern. Es gab gar kein großes braai.“

„Das konntest du aber vorher nicht wissen.“
„Doch, meine Mum hatte es heute Nachmittag schon angedeutet..dass alles irgendwie müde von der Sonne und dem Wein sind und es darum sein kann, dass sie das Abendessen einfach verschieben.“


Ich zucke mit den Schultern, sage gar nichts, öffne meinen Zopf, fahre mit mit den Händen durch die Haare und binde sie dann wieder zusammen.

„Was ist denn daran Problem?“
„Genau das, dieser ganze Ablauf … ich fühle mich schon den ganzen Tag, als wäre ich die einzige ohne Programmheft. Du erzählst mir nicht, dass deine Familie herkommt. Du erzählst mir nicht, wie lange sie bleibt. Irgendwann beginne ich zwischen all den Worten auf afrikaans zu verstehen, dass wir alle den Tag gemeinsam verbringen werden, dass wir hier gemeinsam grillen und den Sonnenuntergang anschauen wollen. Und dann doch nicht. Du erzählst mir, dass wir ins Farmhaus fahren. Und dann doch nicht. Und ich kann nur hier sitzen und versuchen mitzukommen. Und das fühlt sich verdammt fremdbestimmt an. Und das mag ich nicht. Ich saß hier, ohne Uhrzeit, ohne Strom, ohne Akkus und habe darauf gewartet, dass du wach wirst. Dass ich mit dir ins Haupthaus fahren kann. Etwas essen kann, mein Handy oder den Laptop laden kann, meine Mails checken oder Freunden antworten kann. Es ist nicht so, als könnte ich irgendetwas davon allein entscheiden, als könnte ich einfach los spazieren und darauf hoffen, dass ich irgendwann die richtige Farm im Dunkeln finde. Ich kenne mich hier nicht aus. Ich habe hier kein Auto und erst recht kein Uber und ich kann auch nicht einfach ungefragt deine Schlüssel greifen und einfach losfahren, ohne mich hier auszukennen. Ich muss mich darauf verlassen, dass du meine Bedürfnisse im Auge behältst, damit ich mich dann um sie kümmern kann und ..“

Dann bricht meine Stimme ab. Ich weiß nicht, ob ich gegen Angst oder Ärger kämpfe, ob ich außer Atem bin, weil ich zum ersten Mal offen mit ihm streite oder weil ich jetzt erst realisiere, wie ich mich wirklich fühle.

Er atmet lange aus, hockt sich zu mir, sucht meine Augenhöhe und hält sie kurz fest, bevor ich wieder wegschaue.

„Es tut mir Leid, dass ich das heute nicht gemacht hab. Du hast recht, du hast mir gesagt, was du brauchst und ich habs vergessen. Aber…“, er richtet sich wieder auf, geht ein paar Schritte durch den Raum und zieht ein Schubfach auf, „…das hier ist der Zweitschlüssel für den Jeep. Du kannst ihn jederzeit benutzen. Du kannst damit fahren, wann immer du willst. Und wenn du zum Haupthaus willst, folgst du einfach immer den Schildern mit der 1 drauf. Wenn du dich verfährst und irgendwann nur noch einen Zaun siehst, bist du zu weit und drehst einfach wieder um.“

Ich muss lachen, fange den Schlüssel auf, den er mir zuwirft und nicke.

„Das hier – ist wirklich neu für mich.“, sage ich. „ Ich mache immer alles allein, ich bestimme immer alles allein, ich bin immer für alles verantwortlich, seit Jahren. Und ich wusste, dass die größte Herausforderung daran mit dir hierher zu kommen wird, dass ich eben nicht mehr selbst entscheiden kann. Ich meine, ich wusste während der Fahrt noch nicht einmal ganz genau, wo wir wirklich enden, wie viele Leute hier sein würden, wo wir schlafen. Ich hab mich drauf eingelassen.

Ich wusste, dass ich ein bisschen loslassen und zulassen muss, dass du in charge bist, dass du derjenige bist, der sich kümmert, auch um mich. Aber jetzt gerade, vor allem ohne Empfang und Strom und das kleine bisschen Freiheit, das ich damit habe, die Verbindung nach außen … ist es einfach zu viel geworden.“

Er hatte genickt, noch eine Zigarette geraucht und irgendwann hatten wir uns umarmt, ich hatte doch noch ein paar Gabeln kalten Auflauf gegessen, noch ein paar Seiten gelesen, war dann schlafen gegangen. Als er die Fenster schloss, die Decke über uns und mich zu sich zog, war ich schon fast eingeschlafen. Aber obwohl er so nah bei mir lag, ich seine Hand hielt, fühlte sich irgendetwas noch immer distanziert, ungewohnt sperrig zwischen uns an.

„Guten Morgen“, sagt er leise, hat die Augen geschlossen, grinst. „Stehst du heute nicht vor mir auf und machst uns Kaffee? Ist das wirklich schon das Ende?“
Dann küsst er mich und wir hören erst auf, als ich Luft holen muss.

Ich stehe ich auf, gehe in die Küche, mache uns Kaffee. Als ich ihm eine Tasse bringe, sehe ich die unbeantworteten Nachrichten auf meinem Sperrbildschirm. Ich ziehe mir ein Kleid über, noch eine Jacke und schließlich Schuhe. „Ich geh spazieren, ja? Einmal bis ich 4G habe – und dann wieder zurück.“ Er nickt. „Hast du Lust danach hoch auf die Farm zu fahren?  Ich dachte ich mache uns Pancakes und du kannst es ein bisschen arbeiten…“ 

..... kapitel 12/21 erscheint am 23.05.2020

Das Cabin Diary ist ein kostenloser Inhalt auf www.linamallon.de

Ich möchte den Blog auch in Zukunft genau so offen und ohne paywalls gestalten, um auch weiterhin dem Grundgedanken zu entsprechen, mit dem ich ihn 2011 gegründet habe. 

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Lina 

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Comments

  • Ich war grad auf dem Weg zu meinem Teller Nudeln, als ich gesehen hab, dass 11/21 da ist.
    Zack – bin ich eingetaucht in die Cabin Welt und die Nudeln sind kalt. Macht aber nichts, denn das was ich gelesen hab ist so schön. Ich les das so gern. Und ich hab diese kleine Distanz nach einer Unstimmigkeit direkt fühlen können.
    Danke!
    Freu mich schon auf den 23. ?

  • Oh Lina wie schön. Ich liebe jeden deiner Texte und bin auf eine absurde Art gerade echt erleichtert, dass ihr so ehrlich zueinander sein konntet und es nicht in einem großen Streit gemündet ist.
    Ganz viel Liebe!

  • Einfach schön! Es macht so Spaß deine Texte zu lesen und ich hoffe, es wird noch viele Bücher von dir geben, die ich lesen, dann ins Regal stellen und wenn mir danach ist, immer wieder rausholen kann. Denn so schön deine Geschichten auch auf dem Bildschirm sind, noch schöner sind sie als Buch 🙂

  • Ich liebe diese Geschichte. Bzw, dass es nicht nur eine Geschichte ist, sondern du dein Erlebtes in so wundervolle Worte fasst. 🙂 Ehrlich, das ist so schön zu lesen und hinterlässt irgendwie ein schönes Gefühl im Herzen <3

  • Ich freu mich jedes Mal riesig, wenn ein neues Kapitel online kommt – vielen Dank dafür, dass du diese Geschichte in deinen schönen Worten teilst! Und in diesem Zuge auch ein ganz großes Kompliment für dein Buch, das ich gerade in der Sonne auf meinem Balkon verschlungen habe. Deine Inhalte versüßen mir den Frühling gerade sehr – danke dafür 🙂

  • Hab heute dein Buch beendet und war so, so traurig, dass ich es so schnell weggeatmet hab. Deswegen freu ich mich jetzt umso mehr auf die neuen Einträge hier. Ganz viel Liebe <3

  • Liebe Lina, 11/21 ist mein bisher liebstes Kapitel. Ich glaube jeder von uns war schon einmal in einer ähnlichen Situation, wo man einfach ausbrechen und für sich selbst entscheiden will. Selbst nach Jahren in einer sehr glücklichen Beziehung bemerke ich manchmal noch dieses Bedürfnis, einfach nur mich in den Fokus rücken zu wollen. Umso spannender fand ich seine Reaktion auf deine Wut bzw Enttäuschung. Besonders beim ersten Streit, bemerkt man, ob man wirklich zusammenpasst und auf Augenhöhe kommunizieren kann, auch wenns mal schwierig wird. Danke für die Einblicke!

  • Ich liebe deine Art zu schreiben. In deinen Texte versinke ich immer wieder und genieße es sehr! Danke dafür! <3

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