21 Days – Chapter 0/21

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„Kommst du mit?“ – 72 hours to go

„Kommst du mit?“, hatte er gefragt, kurz nachdem Cyril Ramaphosa den Lockdown für Südafrika verkündet hatte. 21 Tage lang plante Südafrika sich unter absolutem Verschluss zu halten. Niemand durfte sein Zuhause verlassen, lediglich eine Person würde den wöchentlichen Einkauf erledigen können, alle Flüge würden gestrichen, Züge sowieso, kein Alkohol, kein Tabak würde mehr verkauft werden dürfen, nicht mal die Erlaubnis den eigenen Hund auszuführen, konnte zugesichert werden.  Auf einem kleinen iPhone Display hatten wir die Nachricht erhalten, sie nicht kommentiert, nur aufgenommen, dann jeder für sich verdaut, in Textnachrichten diskutiert was wir fühlten, planten, wie wir reagierten - mit unseren Freunden, Familien. Nicht miteinander.

Ich fühlte mich schlecht, mein erster Gedanke galt nicht der nationalen Situation, nicht der Sicherheit der Bevölkerung, nicht der Wirtschaft, nicht mal dem Virus, nicht irgendeinem Heimweh, das ich nicht spürte, weil ich so sicher wusste, wie gut es allen ging, die ich oder die mich hätten vermissen können, er galt auch nicht meinem Flugticket, dem dritten, das ich gebucht hatte, vorgestern erst. Keiner der drei Flüge würde noch rechtzeitig abheben. Ich dachte nicht daran am Flughafen zu warten, zu drängeln, zu streiten, vielleicht am Ende gegen alle die zu gewinnen, die so viel dringender nach Hause fliegen, versorgt werden mussten  – als ich.

Mein erster Gedanke hätte vielleicht meinem Buch gelten sollen. In weniger als 10 Tagen würde es erscheinen. Nur online, nicht in den Läden, in denen ich es liegen sehen, ein bisschen Stolz und das Gefühl aufsaugen wollte, denn diese 265 Seiten, auf denen ein Teil mehr Geschichte steht, sind die gedruckte, gepresste, geleimte Realität dieser einen Sache, die ich unbedingt hatte schaffen, endlich in den Händen halten wollen oder durch andere gehen zu sehen.

Ich dachte an unsere eben verloren gegangenen Dates, während ich den Pizzakarton anstarrte, den ich in meinem Schoß balancierte. Es würde keine mehr geben. Kein Bier, keine UNO Battles bis nach Mitternacht mehr in der Bar neben meiner Wohnung, in der wir uns kennengelernt hatten, kein Blueskonzert mehr, auf das er mich eingeladen hatte, kein Dinner mehr bei dem Vietnamesen, bei dem ich gestern noch einen Tisch reserviert hatte. Er würde mich nicht in meinem Blumenkleid sehen, das ich hatte anziehen wollen, nicht das Parfum zum ersten Mal seit ein paar Tagen wieder in der Nase haben, das er so mochte. Mich nicht abholen, mir nicht mehr diesen ersten, vorsichtigen Kuss geben, wenn wir uns wiedersahen, umarmten, anlächelten. Diese Dynamik war vorbei. Einfach so. Seit 5 Minuten –  hatten wir kein Tempo mehr. Ich dachte daran, dass wir jetzt nicht mehr anfangen konnten, nur noch auseinanderdriften oder ineinanderknallen. Beides fand ich unfair, beides wollte ich noch weniger, als einen Lockdown. Und ich schämte mich dafür.

„Kommst du mit?“ – hatte ich noch immer nicht beantwortet.
Die Frage, ob ich ihn begleiten wollte, aufs Land, 1800km von Kapstadt entfernt. Er würde in 2 Tagen aufbrechen.

48 hours to go

Zwei Twix, Oreos, Kokosöl, ein paar Bananen, die letzte Tüte voll frischer Passionfruits, 6 Flaschen Wein (mehr kann ich nicht tragen), Rosimarin-Cracker, gesalzene Butter, Biltong, doch noch eine Flasche Wein, kurz vor der Kasse noch Ibuprofen und Kinderschokolade. Neben mir packen Menschen Süßkartoffeln, Kohl, Kürbis, Fleisch, Butter, Brot, Milch und Eier ein. Ich schaue auf meinen Korb, auf die Sammlung, die millenial schreit. Genussorientiert, ohne nachhaltige Versorgung. Beim Bäcker neben meiner Wohnung kaufe ich noch Croissants.

Ich trage die Tüten gerade noch bis in den Flur, stelle vor dem Fahrstuhl ab und fahre allein nach oben. 40 Quadratmeter hat mein kleines Apartment, eine offene Küche, eine lange Fensterfront im sechsten Stock, die ich gerne komplett öffne, meine Beine über die Brüstung lege, während ich den ersten Kaffee des Tages trinke und auf die Sonne warte. Gegen 07:00 Uhr zieht sie um die Ecke meines Hauses, um 07:12 hat sie die ersten Zentimeter meiner Haut erreicht.
Fast jeden Tag ging das so – in den letzten 3 Monaten. Es fühlt sich nicht wie ein Abschied an, als ich den Stecker des Kühlschranks ziehe, die Bettlaken in den Bastkorb lege und schließlich die Haustür ins kaputte Schloss fallen lasse.

„Hast du alles?“ „Ja. Ich glaube schon.“

Was ich jetzt nicht in meinen zwei Koffern, in den Stofftaschen oder meinem Rucksack trage, lasse ich zurück. Ich habe Bargeld auf den Tisch gelegt, dazu ein paar aussortierte Shirts und eine Jacke, die Make-Up Produkte, die ich nicht aufgebraucht habe, Haarspray und Gummibärchen. Daneben steht ein kleiner, gefalteter Brief für Rubi, meine Maid. Ich weiß nicht, ob und wann ich sie wiedersehe, ob sie noch da ist, wenn ich wiederkomme, ob ich wiederkomme, wann ich wiederkomme.

***

 

Der zweite Abschied fällt schwerer. Ich bringe Magdalena die Kinderschokolade vorbei, noch ein paar Bücher, die sie während des Lockdowns lese kann. Conversation with Friends, mein Lieblingsbuch in letzter Zeit, das ich sicher 5 Mal gelesen habe. Und dann noch Expectations von Anna Hope, ein Roman über drei Frauen, ihre Erwartungen an das Leben und was aus ihnen geworden ist.

Als ich wieder zum Pick-Up gehe, die Tür aufziehe und auf den Fahrersitz steige, wische ich mir mit dem Ärmel durchs Gesicht. „Wir stellen uns einfach vor, dass das nur ein Wochenendtrip ist. Ein verlängerter.“, hatten wir gerade noch beschlossen, als wir uns an der Tür lange umarmten. Aber wir überzeugten mich schon längst nicht mehr, als ich das Gebäude verlasse. In knapp 30 Minuten würde ich zum letzten Mal auf das wunderschöne Panorama im Seitenspiegel schauen können, bis es hinter dem Asphalt der N1 verschwand. Tafelberg, Lions Head, Signal Hill. Ich schaue so lange zurück, bis ich sie nicht mehr sehen kann, bis nur noch 16 Stunden Fahrt, 21 Tage Lockdown   und das Stück Ungewissheit vor mir liegen, das sich noch immer, ohne dass ich es wirklich will, wie ein angreifbares Stück Abenteuer, aber auch längst schon wie eine zähe Last anfühlt, die sich noch immer nicht im Ganzen gezeigt hat.

24 hours to go

Seit 4 Stunden liegt meine Hand in seiner. Manchmal lockert sich unser Griff, wenn ich einschlafe, wenn er einen Schluck Wasser trinkt oder den Gang wechselt. Aber die meiste Zeit streckt sich die N1 auf gerader Linie durch die immer gleiche Landschaft. Savanne, Gräser, Buschwerk, manchmal kleine Gesteinserhebungen und weite Farmgebiete. Wir passieren Maisplantagen, Getreidefläche, Buschwein und Unmengen von Kosmos. Eine kleine, widerstandsfähige Blume, die ihre Farbe vier Mal im Jahr wechselt, von lila, zu mangeta, zu einem hellen pink, bis ihre Blüte ins weiß verblasst und schließlich verschwindet. Für eine Weile. Niemand weiß so genau, wie sie nach Südafrika gekommen ist, aber seit sie sich hier verwurzelt hat, breitet sie sich aus, taucht ganze Hänge in den Ton, für den sie sich gerade entschieden hat.

Im Radio läuft Chuck Berry. Wir haben unsere Playlists gestern schon geleert, verglichen und erschöpft. 10 Stunden sind wir gefahren, bis zu dem kleinen Bed & Breakfast in Bloemfontein, in dem wir die einzigen Gäste waren, Kartoffelbrei und Möhrengemüse mit Brathähnchen zum Abendessen von einer älteren Dame serviert bekamen und noch vor 9 Uhr einschliefen. Erleichtert, Arm in Arm.

„Ich hab mir unseren ersten Trip zusammen, irgendwie anders vorgestellt.“, hatte er müde in mein Ohr geflüstert und gelacht. „Ich dachte er würde vor allem vielleicht zwei Tage dauern..“ „Ein Wochenende..“ „Genau. Ein Wochenende, Brunch, ein bequemes Hotelzimmer, viel Wein..“ „Und Austern, und Strand.. ich wollte unbedingt noch mal nach Paternoster.“, flüsterte ich. „Und stattdessen schleppe ich dich jetzt für Wochen auf diese Farm nach Mpumalanga..“

Ich hab Angst, dass das zu viel wird, wollte ich sagen. Ich hab Angst, dass das keine gute Idee ist. Ich habe Angst, dass wir uns entzaubern, dass wir uns hiermit jede Spannung nehmen, dass wir einander ersticken. Oder auch nur mich. Ich habe vor allem Angst davor, dass ich mich nicht so euphorisch fühle, wie ich sollte, dachte ich würde, wenn ich mir früher das hier ausmalte, während es völlig angreifbar war. Das hier, war eigentlich ein Traum. Zu zweit im Nirgendwo. Abhauen, in eine kleine Cabin am See, kein Wifi, nur 2h am Tag Strom, ein Gasherd, ein Ofen, ein Boot, mitten in Südafrika. Sollte ich nicht eigentlich kribbeln vor Vorfreude? Kaum schlafen können vor Glück? Sollte ich nicht..

„Bereust dus schon? Dass du mitgekommen bist?“, fragt er mich.
„Nein… du? Dass du mich eingeladen hast?“
„Nein.“
„Gut.“

Es ist 14:0 Uhr, als wir in Ermelo einbiegen, wir kaufen noch Fleisch ein, Brot, Eier und Butter, dann Kisten voller Milch, Obst und Gemüse. Wir müssen mehrere kleine Geschäfte anfahren, um noch zu bekommen, was er auf der Liste hat. Noch 8 Stunden bis zum Lockdown. Während der Fahrt haben wir meine Schokolade aufgegessen, morgens die Croissants im Auto mit schwarzem Tankstellenkaffee und zwei der Bananen mit dem kleinen Spaniel geteilt, der die meiste Zeit hinter unseren Sitzen schläft, sich nur ab und zu streckt, seinen Kopf schräg auf meinen Schoß legt und ein bisschen Aufmerksamkeit einfordert.

***

„Wir bringen die Sachen erst mal zu meiner Mutter, das meiste davon kann sie kühlen oder einfrieren. Und dann fahren wir zusammen zum Bootshaus, zu kannst auspacken und eine heiße Dusche nehmen und ein bisschen ankommen ok?.“ Wir haben den Asphalt jetzt verlassen, um uns herum staubt es orange, blassgelb. Auf einem der letzten Holzschilder war die Farm mit noch 5 Meilen angekündigt. Seine Mutter und ihr Mann leben seit ein paar Jahren auf der Farm, seine jüngere Schwester kommt, genau wie wir, ebenfalls für den Lockdown zurück nach Hause. Die über 100 Hektar Land verteilen sich auf 3 Häuser, die kleine Cabin, in der wir wohnen werden, ist am weitesten vom eigentlichen Gate entfernt. „Wir werden vielleicht alle zwei Tage zum Hauptbaus fahren, für Wifi, für frische Milch, Eier oder Zutaten. Ist das ok?“, hatte er schon vor 200 Kilometern angekündigt. Ich fühle mich wohl damit. 21 Tage mit einem Mann, den ich seit 4 Wochen kenne, sind eine Herausforderung, eine, die gut sein könnte, 21 Tage mitten in seiner Familie – wäre wahrscheinlich zu viel. Zu viel für unseren Anfang. Für die letzten 7 Jahre, in denen ich allein in meiner Wohnung gelebt, mich frei bewegt und sie nie geteilt habe.

Als wir das Auto parken kommen uns 7 Hunde, 2 kleiner Kinder, 3 Frauen und zwei Männer entgegen, einer trägt ein Baby, während der andere uns ein paar der Einkaufstaschen abnimmt.

„Willkommen ihr Beiden..“

„Hi ..“, bringe ich heraus, mache einen kleinen Schritt auf die Gruppe zu, die mich anschaut, abwartet, anlächelt.  Er räuspert sich. 
„So, this is Lina – she is german and a writer and uhm .. we don’t know if we are dating yet.“

..... kapitel 1/21 erscheint am 05.04.2020

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