21 chapters – 5/21

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„Und jetzt machst du einfach einen großen Schritt..“

Ich setze meinen linken Fuß auf die glatte, feuchte Fläche, die sich sofort neigt. Als ich zum Ausgleich das andere Bein ruckartig hinterher ziehe, stehe ich für einen Moment wieder gerade, dann schwappt das Seewasser mir von der anderen Seite über die Füße. Ich gehe zu Boden, stütze mich gerade noch mit den Händen ab, als mir die Kamera gegen das Kinn und die Glasflaschen in meinem Rucksack aneinander schlagen. Zwei essenzielle Dinge hatte ich dabei, Wein und Film, beide sind Gefahr, genau wie mein Gleichgewicht.

Als ich mich an die Spitze des Kanus setze, ist der Saum meines Kleides durchtränkt, meine Füße sind voller Gras und Schlick. Er lacht laut, steckt mich an, immer mehr, steigt mit dem Paddel vorsichtig zu mir, ich schraube die erste von zwei Flaschen auf und nehme einen Schluck. Lass uns doch mit dem Boot auf den See rudern, hatte ich gesagt, ganz romantisch zwei Becher eingepackt, mir vorgestellt, wie wir auf der Mitte der Wasseroberfläche trieben, uns sonnten, voneinander erzählten, Wein tranken bis er und uns zu warm wurde.
Jetzt gerade balanciere ich auf einem kleinen Brett sitzend die Bewegungen der Wellen mit meinem Körper aus. Ich denke nicht einmal daran die Beine lang auszustrecken und mich nach hinten zu lehnen. Und um ehrlich zu sein ist dafür auch kein Platz.

Nach vielleicht fünf Minuten entspanne ich mich, setze die Sonnenbrille auf, durch die meine Welt immer noch ein bisschen weicher, offener, bernsteinfarben wirkt. An leuchtenden Tagen ist sie wie der analoge Film, auf dem ich seit ein paar Wochen wieder Erinnerungen festhielt und zu entwickeln lernte. Bei Regenwetter die kleine Therapie gegen die Grautöne.

Bis zu 20.000 Flamingos leben in dieser Region, ich hatte gehofft vielleicht ein paar von ihnen fotografieren zu können, jetzt wo ich plante meine Momente und Gedanken mit Stift, Tasten und meiner Kamera festzuhalten. Statt Flamingos sitzen auf dem hellen Sandstein allerdings nur ein paar Enten, unbeeindruckt von dem Lärm, den wir machten, selbst von dem Spaniel, der in der Mitte des Kanus liegt und das Gesicht über den Rand hängen lässt.

Ich schenke uns Wein ein, die letzte Flasche De Meye Rosé, die ich erst gestern aus meinem Koffer geholt habe. Sobald sich der kühle Wein auf Gaumen und Zunge ausbreitet, ich die Aromen von Pfirsich und Erdbeere schmecke – bin ich zurück. Unter den alten Eichenbäumen, an der langen Tafel, immer mit neuen Stimmen, Gesprächen, Gesichtern und ein paar vertrauten. Ich denke an den frischen Kopfsalat, die glasierten Karotten, die cremig pürierten Kartoffeln oder den gebackenen Blumenkohl. Jeden Mittwoch und Donnerstag hatten wir an der frischen Luft und im Schatten gesessen, gemeinsam das Essen genossen, das Brandon für uns immer wieder neu kreierte. Noch vor zwei Wochen hatten wir uns zum Dessert ins Gras gesetzt und gemeinsam neben den Weinstöcken angestoßen. Drei Monate war das De Meye das Highlight unserer Weintouren gewesen – und würde es bleiben, würde es wieder sein, wenn wir all das hier hinter uns hätten. Wenn ein einziger Schluck ausreicht, um all diese Erinnerungen in ein greifbares, wieder so nahes Gefühl zu packen, weißt du wie besonders sie waren.

„Alles ok?“, fragt er und ich bemerke, wie still ich geworden war, dass ich Tränen in den Augen habe.
„Woran denkst du?“
„Nur an was Schönes. Du würdest es mögen.“

location: mpumalanga, chrissiesmeer, 042020 | camera: fuji x100f

was wir lieben 

Er zieht das Kanu bis in die ersten Gräser des Ufers hinein und wir lassen es einfach hinter uns, als wir quer über die Felder spazieren, die einzigen sind, weiter als ich sehen könnte.

In den Bäumen, die als Grenze zur nächsten Farm dienen, hängen verlassene Nester der Webervögel in den leicht verfärbten Blättern, vermutlich noch bis zum nächsten Sturm, der endgültig den Herbst ankündigt. Zum ersten Mal habe ich diese Nester vor ein paar Jahren, während meiner Reise ins Innere vom Game Reserve in Madikwe gesehen. Das Widahfinken-Männchen webt meistens gleich mehrere, hängende Nester, die wie kleine Tropfen aussehen, um sicherzugehen, dass zumindest eines der Weibchen es annimmt. Alle nicht angenommenen Behausungen, werden von den Weibchen zerstört und von den Zweigen gerissen. Die Beziehungen hier dauern, wie die der meisten Millenials, genau einen Sommer, danach stehen die meisten Nester wieder leer, die wenigsten ehemaligen Partner sehen sich je wieder.

Und ich war mir nicht sicher, waren sie darum zu beneiden, wie sehr sie die Vergänglichkeit eines Sommers, einer Liebe im perfekten Moment zelebrierten, dass sie nicht gezwungen wahren zu hinterfragen, ob sie nun zu tief oder zu flach fühlten, ob sie mutig oder ängstlich waren, je nach dem wer auf sie schaute? Oder waren sie rastlos, dazu verdammt im immer gleichen Kreislauf zu leben, der sich zwar immer wieder erneute, aber aus dem sie nie ausbrachen?

Während er unter den Bäumen und im hohen Gras nach porchini mushrooms sucht, Steinpilze, würden wir sie nennen (und in Europa eher unter Fichten und in der Nähe von Moos finden), setze ich mich auf den Boden, verschränke meine Beine, schenke mir mein zweites, großes Glas Wein ein und lehne mein Gesicht in die Sonne. Unaufgeregt ist es hier in Mpumalanga, zumindest in diesem Teil des Bezirks. Manchmal erinnert mich die Landschaft sogar ein bisschen an jene, vor der ich geflohen bin, die einfach immer gleich gewesen war. Mittelmaß. Kein Platz, an dem du etwas suchst, sondern das Besondere schon finden musst, wenn du es brauchst. Nur hatte es mir nie ausgereicht. Gestern hatte ich ein paar Worte in das braune Notizbuch geschrieben, stundenlang über sie nachgedacht: Menschen sehen so anders aus, wirken so fremd, in dem Moment, in dem du dich nicht mehr um sie bemühst, sie nicht mehr liebst, vermisst, nicht mehr sehnsüchtig nach ihnen bist. Du beginnst zu begreifen, wie gewöhnlich sie eigentlich sind und wie es deine Liebe für sie war, die sie so besonders gemacht hat.

Konnte das mit Ländern, mit Orten, mit Erinnerungen – vielleicht genau so sein? Wurden sie nicht besonders, weil sie es waren, sondern weil wir sie so sahen? Und konnte, was nie besonders genug war, auf einmal ganz anders, auf einmal sogar nährend, weil ich es jetzt ganz anders sehen wollte?

 

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Comments

  • Ich habe gerade Kapitel 0-5 am Stück gelesen und irgendwie berührt es mich sehr. Du schreibst so nah dran und echt, und ich fühle mich trotz meiner eigenen, ganz anderen Situation, verstanden.
    Vielen Dank dafür, ich freue mich schon auf die weiteren Kapitel!

  • Wunderschön, Lina, wie immer! <3

    "Menschen sehen so anders aus, wirken so fremd, in dem Moment, in dem du dich nicht mehr um sie bemühst, sie nicht mehr liebst, vermisst, nicht mehr sehnsüchtig nach ihnen bist. Du beginnst zu begreifen, wie gewöhnlich sie eigentlich sind und wie es deine Liebe für sie war, die sie so besonders gemacht hat." schreibst du. Ich denke nun auch darüber nach und frage mich, ob es nicht viel eher immer so war, dass sie immer besonders waren und genau so aussahen, aber unsere Liebe für sie das erst für uns sicherbar gemacht hat. Also dass man erst lieben muss, damit man genau das Besondere sehen kann?

    • Liebe Käthe, vielen Dank für all deine Kommentare, für so viel lieben support hoer auf dem Blog! Das bedeutet sehr viel ❤️

  • Absolut wunderschön geschrieben! Die Zeilen wo du dich an vorherige Wochen erinnerst haben mich so unglaublich berührt und mich an die wunderbare Normalität erinnert die wir alle so sehr vermissen. Vielen Dank, dass du deine Erlebnisse und Worte mit uns teilst.

  • Ich liebe es deine wunderbaren Worte zu Lesen, die zum Reflektieren, Nachdenken und Träumen einladen. Die Mitfühlen lassen und oft wieder Hoffnung geben. Immer schon, aber in Zeiten wie diesen noch mehr. Danke liebe Lina. Große Vorfreude dein Buch bald endlich in den Händen zu halten wenn das Paket den Weg zu mir gefunden hat <3

  • Dieses Buch würde ich so gerne kaufen! Vielleicht schreibst Du ja mal so eines, mit diesem Setting. Zwischen Kapstadt und einer Cabin im Nirgendwo… Wäre ein ganz toller Roman!

  • Liebe Lina, nachdem ich dein Buch in einem Rutsch durchgelesen habe, bin ich jetzt auf deinem Blog gelandet und habe auch 0-5 komplett ohne Pause verschlungen. Alles, wie du schreibst, was du für Bilder erzeugst, alles ist so wunderbar! Ich war auch schon mal in der Region, von der du schreibst und ich kann es förmlich riechen und schmecken und spüren! Mach weiter so – ich freue mich schon so sehr auf die nächsten Kapitel <3

  • Das Zitat von dir , über die Besonderheit der Menschen, die wir einst liebten, hat mich auf so eine tiefe, besondere Art und Weise berührt. Aufgrund einer mentalen Krankheit ist mein Verhältnis zur Liebe und Beziehungen erschwert. Ich kann mich oft nicht auf meine Gefühle verlassen, muss sie „überprüfen“. Und ich habe schon oft gelernt, dass Gefühle etwas verzerren können. Daher geben mir diese Worte einen ganz speziellen Anker. Danke. Das ist wirklich magisch Lina.

  • Hey Lina

    Ich bin gerade dabei dein Buch schnell.liebig zu lesen. Und wie es sich heute gehört, folgte darauf eine Internet Recherche, wer denn nun diese Lina Mallon sonst noch ist. Gerne hätte ich meinen Kommentar irgendwo direkt bei deinem Buch abgegeben. Leider konnte ich dies auf deiner Webseite nicht finden. Jedoch habe dadurch einige deiner anderen Kolumnen gelesen.
    Du gefällst mir. Deine Offenheit, deine Klarheit und deine Selbstkritik haben mich berührt und brachten mich selber zum nachdenkt und hinterfragen. Ich bin fourtysomething, Vater zweiter pubertierenden Töchter, zwei lange Beziehungen hinter mir und wohl voll in der Rebound-Phase.
    Es erstaunt mich, dass sich hier so wenig Männer rumtummeln. Wir können von deinen Erkenntnissen und tiefen Einblick auch einiges über uns aber auch über das andere Geschlecht abgewinnen.

    Danke dass du deinen Weg gehst und uns daran teilhaben lässt.
    Mögest du immer wieder den Mut für Risiken finden und dafür auch belohnt werden.

    • Lieber Jürg, vielen Dank für so ein liebes Feebdack!
      Ich habe mich gerade sehr gefreut das zu lesen – es ist keine Phrase wenn ich sage: ich bin so dankbar, dass mein Buch es schafft ein paar Gefühle zu treffen und aufzufordern.Das bedeutet mir sehr viel.

      Alles Liebe,
      Lina

  • „Menschen sehen so anders aus, wirken so fremd, in dem Moment, in dem du dich nicht mehr um sie bemühst, sie nicht mehr liebst, vermisst, nicht mehr sehnsüchtig nach ihnen bist. Du beginnst zu begreifen, wie gewöhnlich sie eigentlich sind und wie es deine Liebe für sie war, die sie so besonders gemacht hat.“
    …..das ist eine wahnsinnig klare, logische und wahre Aussage, die mich doch sprachlos macht, weil ich sie zwar unbewusst wusste, aber noch nie so deutlich realisierte! Danke <3

  • Ich fühle mich gerade unglaublich verstanden, nachdem ich all‘ die Blogeintrage dieser Serie sofort nacheinander gelesen habe, weil ich einfach nicht aufhören konnte. Ich befinde mich zur Zeit in Frankreich und habe entschieden, die große Stadt „Lyon“ zu verlassen um mit jemanden, den ich noch nicht lang kenne aufs Land zu fahren. Auch wenn es definitiv kein Lockdown hier ist und die Situation in Frankreich definitiv eine andere ist,als in Südafrika, beschreibst du meine Gefühle unglaublich gut. Das Gefühl sich nah zu sein und sich gleichzeitig zu fragen, ob man diese Nähe überhaupt will. Dieses Gefühl der inneren Zerissenheit und die Gefühlszustände, von traurig über glücklich bishin zu melancholisch beschreibst du unglaublich gut. Danke für diesen wundervollen Beitrag, diese wundervollen Beiträge, diesen wundervollen Augenblick deine Texte mir Tränen in die Augen gezaubert haben.

    • Was für ein wunderschönes Kompliment!
      Liebe Vanessa,
      vielen Dank dafür! Ich hoffe du hast eine gute Zeit – und genießt die Bubble, als eine Zuflucht außerhalb der Realität <3

      Alles Liebe,
      Lina

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