KOLUMNE: FISCHE, KRIEGE & GEBROCHENE HERZEN

Die Wasseroberfläche schwappt immer nur langsam und in unregelmäßigen Wellen an unseren Steg, wenn eines der kleineren Tretboote vorbeifährt. Acht oder neun Wellen zähle ich, bis die Moleküle sich beruhigen, das Wasser sich wieder entspannt und die langsame Bewegung des Sees unter der Oberfläche verborgen hält.

Es ist still hier, denn obwohl die Luft über uns mit mehr als dreißig Grad schwirrt, kommt kaum jemand an dieses Fleckchen des Sees. Vorhin haben ein paar Kinder neben uns versucht mit dem Kescher kleine Fische zu fangen, solche die träge im Flachen standen und kaum noch bemerkten, wie unerwartet sie aus dem Wasser in eine neue Umgebung gerissen wurden. Eine, in der das Atmen nicht nur schwerfällt, sondern unmöglich wird, in der sich jede Sekunde unerträglicher anfühlt, bis vielleicht, hoffentlich, jemand sich dafür entscheidet sie wieder kühle, klare Luft holen zu lassen, sie nicht nur zurückwirft, sondern freilässt.

1 stunde

"Ich kann mir vorstellen, wie weh das gerade tut. Aber ich wollte es dir sagen, bevor du es online oder nebenbei erfährst." Damit endet die Stimme an meinem Ohr. Eine Minute und 14 Sekunden habe ich ihr zugehört und trotzdem nach den ersten zwei Sätzen nichts mehr und schon längst genug verstanden.

Es ginge ihm gut, er wäre nur ein paar Wochen nicht im Land gewesen, hätte sein Handy nicht angemacht, schrieb er mir heute Morgen noch. Und dann, dass er sich melden würde, wenn er wieder in der Stadt wäre. Dass wir dann reden könnten. Über die Stille der letzten Zeit. Dass er sie erklären wolle, sich, seine Gedanken, von denen er schon in der letzten, längeren Nachricht vor seinem Verschwinden behauptet hatte, dass er sie noch immer nicht sortiert hatte. Das war einen halben Tag her. Bisher hatte er mich noch nicht angerufen. Oder eine Nachricht geschickt. 

"Du brauchst dich nicht melden. Bestimmt keine gute Idee mit dem Rebound aus Deutschland befreundet zu bleiben, wenn du längst wieder mit Hannah zusammen bist."

Zwei Haken, zugestellt. Laut gesagt. Ohne jeden Ton. Ich lege den Bildschirm weg und lasse mich langsam vom Steg herunter, entferne mich von ihm, bis mir der See bis zur Brust reicht, bis ich meine eigenen Füße nicht mehr sehen kann, bis ich nur noch ein Kopf und ein Hals und Schultern bin, die darauf warten, dass das Herz wieder Luft holen kann. 

"Willst du drüber reden?", fragt sie vorsichtig, leise, aus der Distanz. Wartet dann ab, weil ich noch durchatme, noch überlege, mir dann sicher bin und sie ansehe. "Will und Hannah sind wieder zusammen. Er ist zu ihr zurückgegangen." "Woher.." "Zola. Die Nachricht, die ich abgehört habe, war von ihr. Sie hat es gestern Abend im Shack erfahren." "Also hattest du das richtige Gefühl." Nicken.

Erst war es nur ein Gedanke, der sich schwer abschütteln ließ, dann ein klopfendes Zweifeln und irgendwann dieses klamme Gefühl, das aus Unsicherheit eine Wahrscheinlichkeit machte. Ich hatte gewusst, dass sein Abtauchen und ihr zeitgleicher Roadtrip durch Namibia, seine Rückkehr ins Datennetz und ihre Wiedersehensfreude am selben Tag, kein Zufall gewesen war.

Als ich ihre Likes wieder unter seinen seltenen Bildern sah, er sich entschied wieder dem folgen zu wollen, was sie teilte, hatte ich kurz an eine neue, lose Freundschaft zwischen zwei schmerzhaft getrennten Menschen gedacht – aber genau so an die Hoffnung, die mit ihr kommt und sich an denjenigen heftet, der noch nicht loslassen kann. An ihn.

Ich hatte lieber geglaubt, dass ich paranoid war, mich von ein paar vagen Ableitungen, getroffen durch die Interaktion zweiter Social Media Profile, hatte einnehmen lassen. Ich hatte mir lieber meine Intuition abgesprochen und sie zu einer ungesunden Obsession erklärt, von der ich Abstand nehmen musste – als mir zu glauben.

Und ich hatte Hilfe. Niemand meiner Freunde, nicht einmal die, die ihn kannten, hatten an eine zweite Auflage dieser gescheiterten Geschichte geglaubt, die mit einem leeren Ring ohne Finger geendet hatte und der Anfang für unsere war.

"Er macht einen Fehler." "
Hm. Er hat zu viele gemacht."
"Ich meine mit ihr."
"Ich meinte mit mir."

24 stunden

Vielleicht ist Wut wie ein Wimmeln der Erythrozyten, die durch das systematisch pochende Herz in unsere immer wärmer werdenden Blutbahnen geschossen werden. Ich fühle sie nicht nur in meiner Brust, ich fühle sie in meinem Nacken, in den Händen, in beiden Beinen. Es ist, als würde mein Innerstes gegen die Wände treten, die es zusammenhält, in sich zwingt. 
Mein Atem verrät nicht, wie es in mir strömt. Mein Lächeln während des Termins ist nur ein kleines, fortlaufendes Zucken meiner nicht spiegelnden Oberfläche. Alles bleibt still – bis ich allein bin, bis ich noch einmal lese, was da knapp 24 Stunden später steht, was seine Antwort ist, zu keiner einzigen Frage, die ich noch gestellt hätte. 

"Du warst niemals nur ein rebound Lina und das weißt du auch.
Hör zu, ich verstehe wenn du gerade nicht mit mir befreundet sein willst. Das ist ok. Aber vielleicht können wir zwei einfach neu anfangen? Wenn du wieder zurück bist?"

9885km trennen uns in diesem Moment. Bis ich in meinem Auto sitze habe ich vier verschiedenen Antworten im Kopf, bis der Motor gestartet ist, fast seine Nummer gewählt, an der ersten Autobahnauffahrt trete ich das Gaspedal durch und lasse das Fenster herunter, hoffe, dass der Fahrtwind lauter als meine Gedanken wird, je schneller ich mich wegbewege, hoffe, dass der Tunnel sich öffnet, ich nur noch Strecke und Asphalt und vorbeifliegende Außenwelt wahrnehme, die sich zu einem einzigen Flimmern aus Grau, Grün und Reflexion auflöst. Noch 112km bis Hamburg, bis zu meiner Wohnung, in der mein Innerstes nicht mehr festgehalten werden muss. Dann trennen uns fast 10.000km.

"Danke, dass du so großzügig bist und verstehen kannst, dass ich gerade nicht mit dir befreundet sein kann. Wirklich, ich weiß diese selbstlose Geste zu schätzen William!", hallt es, als ich die Worte der Karosserie entgegen schreie, um irgendwem, aber nicht ihm zu antworten. Obwohl ich so viel zu sagen hätte. 

"Stell dir vor, dass ich dir viel bedeute. Ich weiß, das fällt gerade schwer. Aber vielleicht schaffst du es ja. Stell dir vor, dass du für mich fühlst. Und dass du es mir sagst. Dass du dich hinsetzt und es auf fünf Seiten schreibst, alles was da in dir und zwischen uns ist. Dass du den Mut aufbringst mir diesen Brief zu geben und mich ihm und dich damit mir zu überlassen. Stell dir vor, dass ich ihn wochenlang nicht lese. Stell dir vor, dass ich ihn dann lese – aber stumm bleibe, nicht mal eine spürbare Reaktion an dich herankommen lasse, obwohl ich spätestens jetzt weiß, wie sehr du auf sie, auf meine Antwort wartest. Stell dir vor, wie ich es mir in unserer Stille bequem mache – bis du irgendwann erfährst, dass ich schon lange nicht mehr da, sondern zurück bin. Bei dem Menschen, der überhaupt der Grund dafür war, dass ich mich nie getraut habe auf dich einzulassen. Wie fühlt sich das an? Sag's mir Will." 

44 stunden

"Lina, du weißt, dass ich dir nie weh tun wollte und wie viel du mir bedeutest." 

"Ich bedeute dir gar nichts. Du hast mich gehen und trotzdem noch festhalten lassen, an ein paar gemischten, unausgesprochenen Signalen, zu schwach um mir sicher zu sein, dass wir noch eine Chance haben, aber trotzdem an sie zu glauben. Du hast mich geghosted so lange es ging, so lange ich nicht zweimal um deine Antwort gebeten habe, um dich nicht mit mir auseinanderzusetzen zu müssen, sondern lieber schwerelos deine oder besser gesagt ihre Rückkehr genießen zu können. In der Sekunde, in der du diesen Brief gelesen hast, hättest du mich freigeben können, hättest du mir sagen müssen, dass ich alles falsch verstanden habe, unsere Chemie, deine Blicke oder jede Umarmung. 
Stattdessen hast du mir die Geschichte von unsicheren Gefühlen und so dringend gebrauchter Zeit oder Distanz, der Suche nach dir selbst erzählt. Während du eigentlich nicht klarer hättest sein können. Während du dich längst für Hannah entschieden hattest. Also verzeih, dass ich mich wie ein rebound fühle, dessen Verfallsdatum vermutlich schon im April abgelaufen war. "

Damit lege ich auf, wenn ich jemals angerufen hätte. Vier, vielleicht drei Stunden vor Tagesanbruch führe ich dieses Gespräch, tonlos, unbeweglich, immer wieder, bis ich darin endlich versinke, auf seinem Grund einschlafe. Das waren sie, fast, die ersten 48 Stunden dieses stummen Krieges unter der Oberfläche, den wir ein gebrochenes Herz nennen. 

Der Podcast zu diesem Artikel erschien am 02.07.2019 auf Spotify und Itunes 

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Comments

  • Wahnsinnig toll in Worte gefasst, was ich in ähnlicher Form auch schon erlebt habe. Du schaffst es wirklich Gefühle so auszudrücken, dass man das Gefühl hat, sie kämen exakt so aus dem eigenen Herzen.
    Danke dafür Lina!

  • Leider leider kann ich nicht so konsequent wie du damit abschließen. Wütend sein. Ich führe diese Monologe seit September, immer und immer wieder. Wann kommt es an?

  • Ich kann nur sagen, dass du mir mit deinen Texten aus der Seele sprichst 🙂 du weißt wie man Gefühle auf den Punkt bringt, ich könnte es nicht ansatzweise so gut formulieren, obwohl es sich manchmal so ähnlich anfühlt <3 du bist nicht allein, keep going!

  • Danke Lina, dass du so tolle Worte für so präzise Gefühle findest. Ich erkenne mich wieder, du beschreibst diesen Nach-Trennungszustand so so toll. Fühlte das gleiche vor kurzem und bei dem Text bleibt man voller Gefühle, Gefühlschaos, zurück. Du holst einen, mich, immer wieder ab. Und immer wieder aufs Neue. Danke! <3

  • Man Lina, das ist einfach (wieder mal) der Wahnsinn ! Danke, dass du uns so an deiner Situation teilhaben lässt. Jedes Mal wenn was neues von Dir online kommt, ganz egal ob Columne, Podcast oder Text auf Insta – ich freu mich immer ein wenig mehr auf Dein Buch. Ganz große Klasse und ein riesiges Kompliment aus Österreich !

  • Liebe Lina,
    was für eine tolle, ehrliche und vor allem bewegende Kolumne!
    Man fühlt einfach jedes deiner Worte mit, du hast so eine wundervolle, berührende Art zu schreiben!

  • Du hast es auf den Punkt gebracht. Die Wut, die Verzweiflung, das Festhalten. Wie oft ich diese fiktiven Gespräche geführt hab, einfach nur um sie überhaupt mit jemanden zu führen. Nach einer Zeit weiß man dann meistens, warum man diesen Schmerz fühlen musste… Aber halt eben erst danach…

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