#TWENTYSOMETHING COLUMN: (ZU) LANGE FESTGEHALTEN

Da stehst du. Da am Rand. Ich hab dich nicht gesehen, aber sie erkannte dich. Ohne dich zu kennen. Ohne dich je gesehen zu haben. Wir kommen dir näher, ich auf dich zu. Und mein ganzes Herz kickt. Es ist einer unserer Momente. Die sind immer genau so. 

Ich traue mich nicht dich zu umarmen, dabei lag ich gerade noch nah bei dir.
Ich traue mich kaum dir in die Augen zu sehen, obwohl du meine suchst.
Ich will dir so viel sagen und am Ende spotte ich nur kurz.
Wir hängen zwischen den Kooks und deinem Funkspruch, zwischen unseren Missverständnissen, verschobenen Chancen und Unsicherheiten.
Ich will dir sagen, dass du mich heute Abend treffen sollst. Will stehen bleiben, will mich trauen – und laufe weiter.
Was kann ich schon erwarten?
Das hier sind immer noch wir.

Du und ich, wir sind neben den Bands und dem Regen – der Beginn vom Sommer und dann immer zu Ende. Seit 5 Jahren eine Story, ziehen uns immer lange genug an, um uns nur Momente später wieder abzustoßen. Vielleicht ist das alles, was wir sein können. Ein Augenblick, eine Umarmung, ein Wiedersehen, kein Kuss, doch eine Nacht .. diese Nacht. Vielleicht sind wir nicht dafür gemacht zu dauern, vielleicht können wir nicht anders, als nur aneinander vorbei und alle 365 Tage ineinander zu rennen. Vielleicht ist das der Zauber. Das glauben viele, du vermutlich auch. Und trotzdem will ich nur einen Moment, um zu sehen, warum ich mich jedes Jahr wieder darauf freue, dass Juni wird, wissen wie es wäre, wenn du ganz kurz greifbar bleibst und ich neben dir liege.


Ich kann nie sagen, ob wir uns jetzt eigentlich daten. Er und ich. Vermutlich tun wir es nicht, sonst wüsste ich es. 
Irgendwas zieht uns aneinander an. 
Der Rest bleibt unausgesprochen. 

Ich fand das schön. Ich glaube ich fand das spannend, vielleicht dachte ich auch, dass unsere Geschichte eben so sein, so bleiben muss. Nie ganz durchschaubar, nie ganz greifbar, ich wusste es zwar besser, aber ich romantisierte es, dich nicht haben zu können. 
Das tue ich seit dem wir uns kennen. Also schon viel zu lange. 

Ich weiß nicht, warum es 5 Jahre dauerte, bis ich mir die Frage stellte: Warum kriegen wir uns eigentlich nicht? Warum ist unsere Grundlage die Distanz? Warum überwinden wir sie nicht? Warum lassen wir einander jeden Herbst wieder ziehen, nur um uns im Frühling wieder finden zu wollen? Ist es wirklich nur das miese Timing? Dass wir nie zur gleichen Zeit, am gleichen Ort sind? Oder ist dieses einander nicht haben können vielleicht am Ende so viel anziehender, als wir selbst?

Ist es einfach nur unsere Story, die mich immer wieder zu dir zurückbringt? Oder bist wirklich noch du es?

Ist es das was wir sind? Oder das was wir sein könnten? Will ich dich? Oder die Vorstellung davon, wie du wärst, wenn wir etwas wären?

Der Grund warum wir die ehrlichsten, nüchternsten Fragen selten stellen ist der, dass die Antworten sich oft noch unbequemer anfühlen zu eng, zu unbeweglich, zu wahr. Der Grund warum ich nie gefragt habe, warum wir einander lieber schreiben, als uns zu sehen, warum wir uns selten von unserem tag und immer nur von den Nächten miteinander erzählen, warum ich wartete, statt zu entscheiden, pausierte, statt mich, uns zu bewegen – war die Richtung, die ich längst erkannt hatte und von der ich hoffte, dass sie sich noch einmal ändern könnte, bevor ich sie wirklich gehen würde. 
Ich glorifizierte um abzuwarten, ich glorifizierte um noch ein bisschen länger die Luft, die Zeit, die Chancen anhalten zu können, nicht zu schnell wieder das Falsche, also die Wahrheit zu sagen.

Nämlich: ich will dich vielleicht zu doll und du mich nicht genug. Ich will dich vielleicht nicht aus den richtigen Gründen. Ich will unsere Geschichte, ich will die ganze Zeit den Konjunktiv, den ich mir daraus ausgemalt habe, der doch so leicht schöner sein muss, wird, als all unsere kleinen, manchmal nur halben Momente. 

Und dann am Ende: Ich will das Gefühl in ganz, in groß, in länger, das ich habe, wenn ich dich unter 70000 Menschen wiederfinde und du kurz meine Hand nimmst. Ich fand die Vorschau, den Trailer so schön, ich will so unbedingt den ganzen Film, egal wie lang er dauert. Und du? 

Während ich die ganzen Fragen nach unserer ewigen Distanz noch einmal lese, mir die Antworten darauf gebe, finde, kurz zur Seite lege, kommt mir noch eine andere in den Sinn.
Die nach unserer wiederkehrenden Nähe. 

Warum hören wir nie auf? Warum ziehen wir uns immer wieder voneinander an? Wenn wir uns nicht oder du mich nicht genug wollen – warum kriegen wir uns dann doch?
Warum pausieren wir nur, aber enden nie? 
Es kann kaum Gewohnheit sein, davon haben wir zu wenig.
Es kann kaum die Leidenschaft sein, denn die ersticken wir immer wieder.
Also wenn ich jetzt frage, sage, was ich nur glaube, aber nicht wissen kann – löse ich uns dann wirklich auf? oder breche ich uns nur ab?

Es ist die Angst vorm Abbruch, der mich den Wunsch nach Auslösung immer wieder verschieben, mich verharren lässt. Noch ein bisschen länger warten. Obwohl ich es besser weiß, natürlich tue ich das. 

Am Ende bewege ich mich, zumindest raus aus der Starre, gehe am Anfang nur ein paar Schritte, um doch auf deine Reaktion zu warten, dann noch ein paar weiter, bis der Wunsch mich nach dir umzudrehen kleiner wird und dann sogar so weit, dass ich Neues entdecke, nicht nur jemanden, sondern auch meine Bedürfnisse, Wünsche kennen lerne, die ehrliche, nicht die passive Distanz finde. Eine aus der heraus ich mich entweder fürs Weiterrennen – oder für den Rückweg entscheiden kann. 

 Gerannt bin ich genug. Gedacht, geglaubt, gewartet, aber nichts gewusst habe ich genug.

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Comments

  • Es ist fast schon unheimlich, wie sehr jedes einzelne Wort mir gerade aus der Seele spricht und meine Situation wiederspiegelt.

    Ich hatte Gänsehaut beim Lesen, ein bisschen Tränen in den Augen. Bitte bitte bitte hör nie damit auf zu Schreiben, du machst das so wundervoll!

    Liebe <3

  • Danke, dass du uns mit deinen Texten immer wieder Einblicke in dein Inneres gewährst.
    Ich wünsche dir (und Karsten) eine angenehme Adventszeit. 🌌

  • Ich freue mich immer auf deine neusten Gedanken, aber dieses mal, dieses mal könnte ich es kaum abwarten. Du schaffst es das in Worte auszudrücken, was ich alle paar Monate immer wieder denke…. das letzte mal heute morgen als er mich zum Bahnhof gebracht hat und mich wieder ein wenig zu lange umarmt hat und gleichzeitig viel zu schnell losgelassen hat. Jedes mal wenn er wieder nicht die erwartete Antwort schreibt und dennoch im nächsten Moment mein Herz zum schlagen bringt. Und das ganze seit mittlerweile vier Jahren. Jedes mal wenn ich denke, okay. Jetzt ist es wirklich vorbei, es soll wohl nicht sein und wir dann doch wieder gegenseitig den Kontakt suchen….

  • Hammer Kolummne – die geht ganz tief bei mir. Kenne ich nur zu gut. Die Angst, die richtigen, klärenden Fragen zu stellen – weil man tief im innern vielleicht die Antwort auf diese Fragen bereits genau weiss.

  • Crazy, wie ich mich genau in der selben Situation befinde . Jedoch bin ich zum Entschluss gekommen, zu schade dafür zu sein. Auch wenn die nackte Wahrheit, die Antwort auf meine Fragen, nicht dem entsprechen, was ich mir gerne wünschen würde, ist es immer noch besser, als das unausweichliche immer wieder zu verschieben und mich für etwas aufzuheben, was eig. gar keine Zukunft hat. Dadurch verpasse ich viel zu viel und gebe viel zu viel für schlussendlich gar nichts.

    Ich wünsche dir alles Gute in dieser Angelegenheit. Höre auf dein Herz. Kenne deinen Wert.

    Hab ein schönes Wochenende
    Angelina

  • „Nämlich: ich will dich vielleicht zu doll und du mich nicht genug. Ich will dich vielleicht nicht aus den richtigen Gründen. Ich will unsere Geschichte, ich will die ganze Zeit den Konjunktiv, den ich mir daraus ausgemalt habe, der doch so leicht schöner sein muss, wird, als all unsere kleinen, manchmal nur halben Momente. “

    pow, danke! Einfach danke

  • wow, wieder einmal großartig. Ich habe manchmal das Gefühl, dass du Dinge in Worte fassen kannst wie ich es nie könnte…
    Wenn ich deine Kolumne lese fühle ich mich oft sehr verstanden. Vielen Dank dafür.

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