PERSONAL: EIN FETZEN BERLIN

Ich sitze irgendwo in Berlin Köpenick. Irgendwo sage ich, weil ich keine Ahnung habe, was eigentlich um mich herum ist.
Also außer Wohnhäusern und dieser Späti, der aber die ganze Zeit zu hat. Gestern Abend wollte ich nach dem Ende meines Arbeitstages, ich bin als Fotografin hier, noch eine Runde mit dem Hund durch die Nachbarschaft spazieren. Er wollte nicht, bockte, buckelte. Direkt mal mein Innenleben gespiegelt.
Ich gebe das ja zu oft vor Publikum zu, aber ich mag Berlin einfach nicht.
Vermutlich hängt das aber gar nicht so sehr mit der Stadt, in die alle wollen, sondern vielmehr damit zusammen, dass ich das Gefühl habe hier so viel Zeit verloren zu haben, gescheitert zu sein, es nicht richtig gemacht zu haben, mit den ersten Jahren nach dem Abi. Es ist schon verrückt sich einzugestehen, dass ich mich ausgerechnet in Berlin selbst eingesperrt habe. Mit 18 zog ich her, mit 21 dann endlich weg. Ich fand nicht die richtigen Leute, im eigentlich so richtigen Studiengang, ich fand nicht das richtige Berlin, ich hing zu viel in der Heimat und dann wieder nur in meiner Wohnung rum, zwischen den Koffern, Welten, immer in einem alten ICE zwischen Stendal und Spandau. Oder im H&M. Ich verballerte mein Geld für Klamotten, statt zu reisen, ich verballerte es ja nicht mal für Feiere und viel Lautes, Dunkles, Dumpfes, wie so jemand, den die Unvernunft in Berlin zu ihrem Schüler macht. Ich verballerte meine Zeit damit mich nicht zu trennen, nicht loszumachen, nicht ich selbst zu sein, statt zu lernen, zu experimentieren, mich zu entwickeln, wirklich Spaß ab einem Studium zu haben, das mir eigentlich so viel bedeutete.

 

Berlin bringt mir bei jedem besuch dieses Unglücksgefühl zurück.
Ich denke noch immer, jedes Mal, wenn die Bahn in Richtung Hauptbahnhof einfährt und ich auf meine alte Wohnung schauen kann: ich hab hier alles falsch gemacht. Ich wollte so sehr unbedingt ankommen, dass ich feststeckte und damit genau so viel Zeit verschwendete, wie jemand, der trendgerecht irgendwo in Australien ein Jahr lang nie die Farm aus dem Prospekt gesehen, aber in Burgerläden gearbeitet und Betten bezogen hatte, um so ein bisschen durch die Hostels zu ziehen. Work & Travel in Australien war 2007 das Ding. Rückblickend hätte mir sogar das besser getan. Aber ich war so überzeugt davon längst zu wissen, wer ich sein wollte, dass ich gar nicht zuließ es zu werden. Ein kleiner Trost, dass mir das mit 19 passierte. Anderen geht das noch mit knapp 27 so. Oder noch schlimmer: immer.
Trotzdem fühlt es sich melancholisch an. Jedes Mal wieder.

 


"So viele Menschen haben sich in Berlin gefunden. Ich kriege hier nur Bauchschmerzen."

 

Zwei Tage bleibe ich noch, auch wenn mein Bauch zwickt und in mir so ein längst vergessener Besucher wieder an den Stammtisch meines Geistes drängt, sich ein Bier bestellt und dabei immer wieder schimpft, dass ich eigentlich auch nur ein ziemlicher Fehler sei. So ein innerer Kritiker, der keine Ideen hat, aber erst mal die Stimmung versaut, sodass auch Intuition, Selbstvertrauen und Kreativität irgendwie keine gute Zeit haben. Der Barkeeper, der die innere Ruhe sein soll, übrigens auch nicht. Obwohl keiner ihm zustimmt, hören ihn alle. So ist das mit ungebetenen Gästen ja immer. Man hofft, dass sie einfach wieder gehen, weil sie nur lauter werden, wenn man ihnen zu viel Aufmerksamkeit schenkt.

Und so ignoriere ich das Ziepen, schau über die Stadt, die nie meine geworden ist und hoffe, dass sie gut zu mir ist, lieb zu mir ist – für die nächsten 2 Tage.

Ich habe gestern als Fotografin in der Stadt gearbeitet und treffe mich heute mit alten Wegbegleitern und liebgewonnenen Kunden. bevor es abends zu einem Pre-Dinner des Female Future Force Days geht, den ich morgen den ganzen Tag besuchen werde. 

anything to say?

Comments

  • Großartig geschrieben! Ich hoffe immer noch sehr, dass du irgendwann einen richtig richtig dicken Wälzer rausbringst 😀

    • Ich auch <3
      Leider wollen Verlage im Moment irgendwie lieber 100k-Influencer, die dann mit ihrem Gesicht halbherzige Bücher verkaufen (was sie ja tun, ich versteh das schon..)

  • Berlin-Koepenick, meine Heimat und mein persoenlicher Rueckzugsort..ich kann dich dennich verstehen, Berlin kann trotz der Menschen einsam machen
    ich habe 3 Jahre in Stuttgart gelebt, mein Herz lebte in Berlin weiter und so war ich froh nach 3 Jahren endlich wieder meine Tasche packen zu koennen und zurueckzukehren.

    ich wuensche dir dennoch eine gute Zeit hier

  • Hallo Lina,

    super geschrieben! Mir ging’s mit Anfang 20 ähnlich wie dir mit 18. Ich komme auch aus Sachsen-Anhalt und bin mit 20 nach Berlin gezogen, eigentlich nur des Jobs wegen. Ich wollte in Berlin nicht ankommen, nicht sein, habe so gut wie alles an der Stadt gehasst oder einen Grund gesucht, es zu hassen. Wieso alle nach Berlin wollten, war mir schleierhaft. Genau wie du, habe ich jedes Wochenende und jeden freien Tag „zu Hause“ (in der Heimat) verbracht. Ich habe mir selber gar nicht die Zeit gegeben, Kontakte zu knüpfen, mein „richtiges“ Leben fand nur noch am Wochenende statt.
    Das ist jetzt acht Jahre her und was soll ich sagen? Ich wohne immer noch in Berlin, liebe die Stadt sogar. Man soll niemals nie sagen, aber aktuell könnte ich mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Wenn ich jetzt von „zu Hause“ rede, dann meine ich Berlin. Ich weiß nicht genau, wann oder warum sich meine Meinung oder das Gefühl geändert hat. Als ich sowohl Job als auch Wohnung wechselte, wurde es, glaube ich, besser. Mir hat mal jemand gesagt, „Berlin ist, was du daraus machst“ und das stimmt auch. Vielleicht muss man der Stadt ein wenig Zeit geben. Aber, und auch da sind wir uns gewissermaßen ähnlich, wenn ich in Berlin in der Nähe meiner ersten Wohnung bin, dort wo alles anfing, kommen auch die negativen Anfangsgefühle wieder hoch.

    Ich wünsche dir trotzdem noch einen tollen Aufenthalt hier in der Hauptstadt! <3

    Liebe Grüße!

    • Auch ich komme aus Sachsen-Anhalt und bin nach dem Abi nach Hanburg gezogen, hab mich dort verbeamten lassen und studiert und mir kommt vieles was du und Lina über Berlin geschrieben habt, im Bezug auf Hamburg so bekannt vor! Das ständige im ICE sitzen, um den freien Tag in der Heimat zu sein, die fehlende Motivation Kontakte zu knüpfen, der Hass gegen etwas so Abstraktes wie eine Stadt. Hamburg war so voller Möglichkeiten und Menschen, und ich als junges Mädchen war total vereinsamt. Ich bin wieder zurück in die Heimat gezogen, als „gescheiterte Studienabbrecherin“, die sich aus dem Beamtentum hat entlassen lassen. Jetzt in Sachsen-Anhalt, mit neuem Job und einem Leben irgendwo zwischen Land und Kleinstadt bin ich so unglaublich glücklich und immer wenn ich mal Großstadtluft brauche, ist Berlin nicht weit weg, um dieses Bedürfnis zu stillen.

      Und ich finde es hier so schön zu lesen, wie unterschiedlich Leute mit der gleichen Situation umgegangen sind. Dass es so viele andere Möglichkeiten gibt, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Dass „Scheitern“ kein Ende ist, sondern ein Neuanfang. Und dass, egal wie und wo, jeder sein Glück finden kann. Das sollten wir uns alle viel mehr bewusst machen. Danke dir und Lina für diesen schönen Denkanstoß! <3

  • Liebe Lina, was du schreibst (und so ähnlich ja schon mal über Berlin schriebst), ist genau mein Gefühl, wenn es um Hamburg geht. Kann niemand verstehen, weil anscheinend alle nach dem Abi (work and) traveln in Australien waren und „sich selbst gefunden haben“. Außerdem ist Hamburg eine wunderschöne Stadt, finden alle. Ich auch. Aber glücklich war ich nicht und habe jedes Mal dieses ziepen, wenn ich nach Hamburg „muss“. Ist ja schließlich meine Heimatstadt. Komisch ist das.
    Dafür ist jetzt in München alles schön.<3

  • Liebe Lina, was du schreibst (und so ähnlich ja schon mal über Berlin schriebst), ist genau mein Gefühl, wenn es um Hamburg geht. Kann niemand verstehen, weil anscheinend alle nach dem Abi (work and) traveln in Australien waren und „sich selbst gefunden haben“. Außerdem ist Hamburg eine wunderschöne Stadt, finden alle. Ich auch. Aber glücklich war ich nicht und habe jedes Mal dieses ziepen, wenn ich nach Hamburg „muss“. Ist ja schließlich meine Heimatstadt. Komisch ist das.
    Dafür ist jetzt in München alles schön.<3

  • So eine schöne Melancholie in dem Text. Die Reuegedanken zwicken, aber sie sind auch ein Zeichen von Wachstum, oder? Man hätte es damals nicht “richtiger” machen können, und heute ist man eben jemand anderes. Ich finde, wir sollten uns verzeihen. Dafür ist es schließlich nie zu spät 🙂

  • Liebe Lina,
    erst mal: toller Beitrag, man kann sich richtig einfühlen. Ich bin jetzt 21 und werde bald ins 3. Semester meines Studiengangs PR in Hannover kommen. Bevor ich mich aber getraut habe, diesen Studiengang zu studieren (was ich immer schon wollte), habe ich es mit BWL versucht. Von NRW ins tiefste Niederbayern (Passau), wo sich die Münchener Schickeria in winzig kleinen Clubs abcheckt und das Geld ihrer Eltern auf aufgeblasenen Bootspartys zelebriert. Und dorthin bin ich nur gezogen, weil ich endlich auf mich allein gestellt sein wollte, keine Möglichkeit an den Wochenenden nach Hause zu pendeln, gezwungen sein, sich etwas aufzubauen. So gut der Plan auch war, so beschissen die Umsetzung, wenn man sich mehr mit Mühlheim Ruhr identifizieren kann und plötzlich drauf hingewiesen wird, wie man sein Besteck richtig zu halten hat (Mitbewohner aus Frankfurt mit 3-Sterne-Restaurant-Eltern, Jura-Student) und die Gesprächsthemen plötzlich nur um Ski-Urlaube und das neue MacBook kreisen. Gefunden habe ich mich nicht, mich eher von mir entfremdet, bis ich nicht mehr wusste wo oben und unten ist. Meine Werte haben sich verschoben und ich wollte so sehr „rein passen“, dass ich mich eher selbst verloren, als gefunden habe.

    Es hätte eine echt gute Zeit sein können, hätte ich mich ab und zu mal abgegrenzt und reflektiert, statt wie eine Verrückte zu versuchen, irgendwie mitzuhalten. Wenn ich jetzt zurück komme in die Stadt um meine einzig richtig gute Freundin dort (kommt ursprünglich aus dem Nachbarort, habe ich erst dort kennengelernt :D) zu besuchen, beschleicht mich genau das gleiche Gefühl, was du beschrieben hast.

    Fühl dich gedrückt, du bist eine wunderbare Frau 🙂
    Cathleen

    • Oh Passau, ja Passau
      Hätte ich nicht ganz fantastische Gleichgesinnte in meinen zwei Hochschulgruppen gefunden, dann wäre ich auch an den 10k-Kindern zerbrochen, aber es gibt Nischen und Menschen, die dich verstehen, überall! Blöd, wenn man zu lange braucht, um diese zu finden. Ich musste in meiner jetzigen Stadt auch erst in ein anderes Viertel ziehen, um die Stadt lieben zu lernen.
      Hoffe, dir geht es jetzt wo du bist besser und du kannst ganz bald auch positives aus deiner Zeit in Passau ziehen. Der Ort an sich ist ja zweifelsfrei wunderschön!

  • SAME! Ich habe schon lange ein änhliches Gefühl zur Stadt und hatte darüber nachgedacht einen Post darüber zu schreiben. Besonders weil ich jetzt wegziehe. Nach Australien. Wie ironisch. Den Post hat mich dazu bestärkt und war glaub ich ein Wink des Schicksals 😉
    Vielen Dank dafür!

  • Wie immer so toll geschrieben liebe Lina! Ich bin selber vor 2 Jahren nach Berlin gezogen und fühle mich super wohl hier, aber ich kann trotzdem total verstehen was du meinst… diese Stadt kann schon sehr einsam sein und obwohl ich immer wusste, dass ich genau hier sein möchte und dass ich die Stadt super gerne mag, hat es auch bei mir ein Jahr gebraucht um richtig anzukommen

  • Liebe Lina,

    danke danke danke für diese Worte, die genau das beschreiben, was ich gerade fühle!
    Es ist schön, zu wissen, dass es anderen (wie man an den Kommentaren hier erkennen kann) auch so geht. Mir geht es so hier in Wien – ein Ort, an dem ich immer sein wollte, und doch komme ich seit 3 Jahre nicht wirklich an. Genau wie Du verschwende ich meine Zeit mit Oberflächlichem, Unwichtigem anstatt zu leben und erleben. Der Mut zur Veränderung fehlte mir und auch das Gefühl, nicht zu wissen wer ich bin – ja mit immerhin 26. Dein Post kommt gerade zur rechten Zeit und rüttelt mich nochmals wach – denn ich packe gerade meine Koffer und kehre zurück in die Heimat. Ob es die richtige Entscheidung ist, wer weiß das schon. Aber es ist schön und beruhigend zu wissen, dass auch Du zwischen Heimat und Fremde, zwischen Abenteuer und Zuhause diese Gefühle hattest und immer noch hast.
    Danke für Deine großartige Arbeit! <3

  • Einen richtig dicken Wälzer von dir würde ich auch gerne lesen. Zu allen möglichen Themen! Vielleicht einfach ein Sammelsorium deiner Gedanken. Es ist so beruhigend eine so rastlose und gefühlt alte Seele so schön schreiben zu lesen. Ergibt das Sinn?

  • So so so ein schöner Post! Ehrlich und irgendwie.. ich kann es gar nicht beschreiben aber es bringt dein Gefühl so gut rüber, dass es mir einfach gefallen hat das zu lesen!
    Ich habe gerade mein Abi gemacht und gehe nun für längere Zeit ins Ausland und hoffe, dass es mir nicht so geht..

  • Toller Post, liebe Lina! Er regte mich zu folgenden Gedanken an:
    Wenn ich in einer Gruppe neuer Menschen preisgebe, dass ich „Berlinerin“ bin, wird immer mehr reagiert, als wäre ich eine Attraktion oder so etwas. Ich frage mich, warum das so ist, wie es sich entwickelt hat, dass ich hier kaum noch „Berliner“ um mich habe, wo doch die Stadt so riesig ist. Ich bin Mitte zwanzig, die meisten meiner Freunde von damals leben mittlerweile in anderen Städten und einige meiner besten Freunde kamen hierher, mit genau dieser beschriebenen „Ich muss unbedingt nach Berlin“-Mentalität und einer riesigen Erwartungshaltung, um dann nach fünf Jahren wieder zu verschwinden, weil sie (endlich) einen Auslöser fanden, der sie mal anhalten und gründlich reflektieren ließ. Ich habe das Gefühl, Berlin (so sehr ich es liebe!) ist so groß, turbulent, voller Hype und zugleich wahnsinnig anonym, dass es viele Menschen herkommen, aber nicht ankommen, sondern nur weiterrennen lässt. So lange, bis sie erkennen, dass sie hier nicht ihren Platz finden. Ich frage mich, ob es eine Sache des Charakters einer Stadt ist, wie man sich damit fühlt, z.B. eine falsche Richtung eingeschlagen zu haben. Letztens beschrieb mir eine Freundin ihre Gefühle ganz ähnlich wie du und sie sagte, dass es ihr immer vorkommt, als würde Berlin ihr bei jedem Besuch mit erhobenem Finger ihre Fehler vorhalten. Nicht zornig, sondern à la „Ich bin sehr enttäuscht von dir“. Das habe ich noch über keine andere Stadt vernommen, vielleicht gehört es ja auch zu der langen Liste der Eigenschaften, die diese meine Heimatstadt so ausmachen.

    • Ich sitze gerade im Zug und habe absolut Gänsehaut, als ich lese, dass es deiner Freundin exakt genau so geht, das Zitat über den zeigefinger, ist so auf den Punkt … <3

      Alles Liebe,
      Lina

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