#TWENTYSOMETHING COLUMN // REUE

23. Januar 2018

„Fuck ..“

Ich drehe mich zu ihm, wickle mich in die Decke ein und stütze den Arm auf. Zwischen uns hängt mein Parfum und unser letztes Wortgefecht, ein Rest von seinem Zigarettenrauch und der Mischung aus Anziehung und falschem Ego, die uns immer wieder hierher bringt, zwischen die Laken, die Zeilen, in sein Schlafzimmer und die Missverständnisse.

Ich sehe nur seine Umrisse und mache die Augen wieder zu, meine Atmung geht noch flach, ich fühle seine Hand noch in meinem Nacken, seinen Mund an meinem Kinn, unsere verschränkten Finger auf dem Kopfkissen, ihn über mir – und sonst gar nichts.

Keine Schuld. Keine Reue. Keine Vernunft.
So war das schon immer.

Er legt seinen Kopf auf das Kissen und fährt sich durch die Haare.
„Was machen wir hier eigentlich?“, fragt er mich ins Dunkel.

Wir knallen ineinander.
Wir geben nach.
Wir machen den gleichen Fehler auf eine immer neue Art.
Wir fühlen uns lebendig.

„Was meinst du?“
„Ich meine das hier..dich, mich. Wir machen keinen Sinn. Morgen früh hasst du mich wieder. Oder wir landen im nächsten Streit.“



Das macht uns aus.
Wir haben nie Zeit zu enden.
Wir funken.
Wir brennen aus.
Binnen Minuten. Leuchtend.
Und werden von jener alten Flamme immer wieder angezogen.


„Du bist der perfekte Fehler.“

„Dieses Mal nicht. Das war nicht das Gleiche..“
„Für mich wird es nur leichter.. ich bin in 2 Tagen weg.“

Für ihn nicht. Nicht jetzt. Und trotzdem wieder. Immer wieder.
Je größer der Einsatz, je höher das Risiko, desto schneller schwirrt die Luft zwischen uns. Mit keinem tue ich so gern das Falsche, wie mit ihm. Mit keiner fällt er so gut, wie mit mir.

Ich vertraue ihm nicht mehr.
Ich bereue nichts mehr.
Ich trage keine Verantwortung mehr.


Ich weiß, dass ich es bereuen müsste, dass ich es verschweigen werde. Ich weiß, dass er, wir, unsere Geschichte, wie ein hässlicher Riss in meiner Persönlichkeit ist. Dass wir toxisch sind. Dass wir weh tun, uns selbst, den anderen, zu vielen, die zwischen uns eine Rolle spielen. Dass wir vielleicht genau das verdient haben.

Rückblickend ist es so einfach zu sehen, wann du einen Fehler gemacht hast. An welcher Stelle du dich dein Urteilsvermögen verlassen hat. Wo du eine Entscheidung getroffen hast, die in diesem Moment so elektrisch schien, bis ihre Realität auf dich sackte.

Mit der Reue ist es so eine Sache. In dem Moment in dem du entscheidest, auf dein Herz hörst, nach Takt und Pulsschlag suchst, glaubst du, dass die größte Reue irgendwann mal die sein wird, etwas wirklich Großartiges nicht gewagt oder erlebt zu haben. Und so bleibt es auch noch, wenn dich die Konsequenzen und das Tageslicht einholen.
Du bereust nicht den Fehler.
Du bereust nur, wenn er nicht gut genug war.

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11 Comments

  • Julia 23. Januar 2018 at 12:48

    Woaaah…Gänsehaut! Eine so wort- und ausdrucksstarke Kolumne..

    Reply
  • Hilla 23. Januar 2018 at 15:47

    Vor allem die letzten zwei Zeilen…sind die essentielle Rechtfertigung, wenn man mit offenen Augen ins Unglück läuft.
    Grandios gut!

    Reply
  • kramrie 23. Januar 2018 at 16:05

    Wow! Tränen in den Augen.

    Reply
  • cjs 23. Januar 2018 at 16:36

    großartig … und so nachvollziehbar!

    Reply
  • Mona 23. Januar 2018 at 17:20

    Wahnsinnig gut geschrieben ♡

    Reply
  • Maria-Sophie 23. Januar 2018 at 18:56

    Wow. Diese Worte. Diese Wahrheit. Irgendwie hart zu lesen, was man sich doch eigentlich immer so schön redet..
    Lina, bitte bitte nimm das irgendwann als Podcast auf! Ich habe selten eine Columne gelesen die ich sooo soo soo gern von dir vorgelesen hören möchte!

    Reply
  • Jules 24. Januar 2018 at 09:07

    So starke Worte – Gänsehaut am ganzen Körper, weil man sich in deinen Kolumnen wieder findet. Immer und immer wieder.

    Reply
  • Juliet 27. Januar 2018 at 13:14

    Im Moment des Erlebens ist es wie ein Rausch. Der danach verfliegt & dann die Gedanken kommen. Der Gedanke ‚Das kann es doch nicht gewesen sein, da muss noch mehr sein…‘ Ist es aber manchmal eben nicht. Manchmal geht es nicht mit. Und nicht ohne. Manchmal bleibt es ein ‚für immer vielleicht‘. Und das tut keinem der beiden gut. Das schmerzt. Immer und immer wieder…

    Reply
  • Jana 29. Januar 2018 at 16:23

    mir fehlen wieder einmal die worte! deine Kolumnen werden immer besser. es fühlt sich so echt an, das alles hier zu lesen. …
    bitte bitte nimm das als Podcast auf <3

    Reply
  • Corinna 29. Januar 2018 at 21:23

    So wahr.

    Reply
  • Amelie 7. Februar 2018 at 20:01

    „Du bereust nicht den Fehler.
    Du bereust nur, wenn er nicht gut genug war.“

    Die beiden Sätze haben es wirklich in sich! Seit 10 Minuten sitze ich jetzt hier und denke über deine Worte nach. Deine Art zu schreiben, Worte zum Leben zu erwecken und Gefühle widerzuspiegeln ist wirklich einzigartig.
    Eine wahre Künstlerin eben.

    Liebste Grüße,
    Deine Amelie
    https://amelieruna.com/

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