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OFFENER BRIEF: HEY SOPHIA THOMALLA

Liebe Sophia,
ich zähle zu den Menschen, die eine Meinung zu schätzen wissen, die Menschen mit Rückgrat schon allein deswegen anhören, weil sie so selten sind, die lieber eine hitzige Diskussion führen, als ein bequemes Support-Emoji zu posten.
Das heißt du hast meistens gute Karten bei mir, ohne dass ich dir dafür zustimmen müsste. 


Jetzt sprichst du in der neuen Grazia über Influencer. Das ist erstens mein Thema und zweitens kann ich zu 100% nachvollziehen, was du da sagst. 


Der erfundene Begriff für Menschen, vorrangig Frauen, die auf Instagram lächerlichst Tee und Lotionen in Bildunterschriften bewerben, ist tatsächlich nichts als eine künstliche Beschreibung, die für jeden und niemanden gilt, hinter der nichts oder maximal eine Like-Zahl stehen muss und die sowohl viel Mühe, Persönlichkeit und Inspiration oder auch nur einen Bikini vor einer pinken Wand und einen passenden Filter bedeuten kann.
Influencer – eine Berufsbezeichnung die keine ist und so inflationär verwendet wird, dass sie das neue „was mit Medien oder Mode“ ist. So „irgendwas" das man früher werden wollte, wenn man gerade in der 10 Klasse war, noch keine Perspektiven oder Pläne für das eigene Leben hatte.

Erst vor ein paar Tagen sprach ich mit einer Freundin darüber, dass das größte Übel an singenden Lippenstifttesterinnen nicht die Songs selbst sind, sondern der ganze Lifestyle und vor allem die Werte, die sie ungefiltert und verzehrt vermitteln. Nichts können, nichts studiert oder gelernt haben, sich an nichts halten, nichts müssen und doch alles haben. Aha.

Die Follower, Teenager und Kids wollen gar nichts mehr werden, leisten, lernen oder schaffen, sie wollen nur noch einfach was sein: möglichst schnell, möglichst leicht, möglichst berühmt.
Das ist übel.

Und übrigens ein Schlag ins Genick für jeden, für den der Job im Internet mehr ist, als eine Sammlung aus Affiliate-Links in Kombination mit Bildern vorm reich gedeckten Frühstückstisch des nächsten Hotels.

Ich frage mich immer, wer sich vom immer Gleichen und Austauschbaren, von der nächsten gesichtslosen Blondine mit dem perfekten Instagram-Hintern und einem Avocado-Toast eigentlich noch inspiriert fühlt. Für wen immer gleich drapierte Macarons vor dem Eifelturm noch irgendeine Emotion bedeuten, wer eigentlich den Strand von Bali noch von Hawaii unterscheiden kann, wenn er sich für #travelinspiration durch seinen genormten Feed scrollt und wer heute noch wüsste, wofür eine Influencerin gestern geworben oder wovon sie in 2 kurzen Zeilen erzählt hätte.
Wer würde einen Lifestyle wollen, der eigentlich nur eine genormte Aneinanderreihung von performenden Postings ist und nicht mal einen zweiten Blick braucht, um zu verstehen, dass er kaum für Genuss oder Erlebnis, als für Kontruktion und Darstellung steht?
Wer möchte eine Frau sein, die sich größtenteils mit sich selbst und ihrer Handykamera, statt tatsächlich und offline mit Freunden, dem Strand vor ihrer Unterkunft, dem gutem Essen, köstlichem Wein, Kultur und Kunst, Abenteuern und Horizonterweiterung beschäftigt?
Eben. 

Also ja, ich bin da ganz bei dir. Wenn da nicht diese Sache wäre...

Das Wort It-Girl wurde ja auch nur irgendwann mal von Medien geformt und von Frauen wie dir unterstrichen, bei denen man zwar weiß, dass sie für Stilgefühl, illustre Freundeskreise und gelegentliche Modeljobs stehen, aber auch nicht so ganz sicher ist, ob das Wirken und der Erfolg nun am Namen der Eltern, dem bestehenden Trust-Fond und seinen Möglichkeiten oder einer medienwirksamen Beziehung liegt.

Sicher, nun kannst du in deiner Vita darauf verweisen, dass du irgendwann mal in den Regiebildern der Wok-WM als Moderatorin aufgetaucht bist und das Wing-Girl von DJ Bobo auf RTL 2 warst , aber ich durchschau nicht so ganz, inwiefern dich das von einer Influencerin unterscheidet, wenn du zwar nicht für Tee im Internet, aber für Gesichtspflege auf Lidl Plakaten wirbst.
Du machst das schon länger als andere. Das stimmt.
Du magst die Aufmerksamkeit auch durch externe Berichte über dein Liebesleben auf dich ziehen (oder verbale Ausrutscher im öffentlich rechtlichen Fernsehen) und brauchst dafür nicht zwingend ein Selfie im Bikini auf Instagram (Well, waiiit ...)
Aber sonst?
Könnte man dich als Influencerin bezeichnen. (Auch wenn ich dir hoch anrechne, dass du dich und deine Postings zumindest nicht zu ernst nimmst und findest, dass deine Follower "Sophia-Interessierte" sind, aber von deinem täglichen Selfie nicht in ihren Lebensentscheidungen beeinflusst werden. )
Als jemand der einfach nur sich selbst in den sozialen Netzwerken feiert. Als genau das, was du so kritisierst. Als jemandem, für den künstlich eine Funktion erfunden wurde.

Eine Frau, bei der man nicht wirklich weiß was sie kann, was sie tut und wohin sie damit will. Und genau das ist mein Problem an deiner Kritik, die ich ansonsten so sehr teile: das Fenster aus dem du dich lehnst, ist für dich zu groß.


anything to say?

Comments

  • Hallo Lina,
    es ist bemerkenswert, dass ich bei dir immer wieder Artikel lese, obwohl der Inhalt mich eigentlich gar nicht interessiert – so wie bei diesem (das ist ein Kompliment auch wenn es nicht gleich so klingt! ;)). Ich lese einfach unglaublich gerne deine Artikel und fange jeden einfach mal an und entscheide dann, ob ich ihn weiter lese. In 98% lese ich weiter – in den anderen 2% geht es um Autos. 😀
    Das wollte ich einfach mal los werden, hab eine schöne Woche!

  • Laut Wikipedia ist sie Model, Schauspielerin und Moderatorin. Gut, dass ist so ungefähr jeder Z-Promi. Wobei DJ noch fehlt…
    Allerdings muss ich gestehen, dass ich immer dachte, dass sie schon weit über 30 ist. Sie ist ja noch recht jung mit ihren 27 Jahren. Da kann man doch noch was werden… und nicht nur Influencer … ähm … It-Girl. Wobei B-Promi besser passt.

  • Liebe Lina,

    Danke, dass Du so ehrlich und direkt genau das ansprichst, was sich wohl viele Menschen denken!

    Ich bin gespannt, ob und was Frau Thomalla darauf antworten wird!

    Liebe Grüße, Marie-Lyce

  • Genau das war auch mein erster Gedanke! Ich erinnere mich auch noch an ein Event vor ein paar Jahren, als Sophia ihre Lidl-Kollektion präsentierte und die Blogger dafür in der ersten Reihe saßen. Für ihren eigenen Erfolg war ihr ein Influencer oder Blogger demnach auch nicht zu schade. Verrückte Welt!

    Liebe Grüße,
    Ally

  • Liebe Lina,
    ich mag deine Art nüchtern, direkt und konstruktiv Dinge anzusprechen- sehr oft gehe ich da auch absolut mit dir mit.
    Ich kann „Influenzer“ teils nur belächeln, ein schönes Leben auf Kosten ihrer Follower aber absolut keinen Mehrwert für die Gesellschaft. Eine „Influenzer Krankenschwester“ das wär mal was…
    liebste Grüße

  • Liebe Lina,

    danke für deinen ehrlichen und absolut passenden Post. Ich stimme dir zu 100% zu, es gibt viele, die in „unserem“ Bereich wenig Wert auf Qualität und hochwertigen Content legen, es gibt aber auch das genau Gegenteil. Und die Aussage von Sophia kehrt einfach alle über einen Kamm – völlig zu Unrecht. Ich liebe deine sarkastischen Anspielungen, denn obwohl ich Sophia selbst folge, frage ich mich auch immer: Was ist die jetzt eigentlich von Beruf? Gut, dass es endlich mal jemanden genauso geht, der nur die Antwort „Keine Ahnung?“ darauf parat hat.
    Danke für diesen Post!

  • Sowas von auf den Punkt geschrieben und ich kann dir nur zustimmen … Mein erster Gedanke nachdem ich das Interview mit Sophia gesehen hatte war: „Okay, seeeeehr dünnes Eis.“ Ich denke, das sogenannte Influencer und Social Media – Stars den (ehemaligen) IT-Girls den Rang abgelaufen haben und genau diese IT-Girls nun zu sehen müssen, dass sie am Ende nicht auf der Strecke bleiben … Losgelöst davon wie man den Beruf von Sophia oder anderen Menschen aus der Öffentlichkeit, die für Produkte werden auch bezeichnen mag, am Ende des Tages kriegen sie alle Geld dafür, dass sie werben. Egal ob auf Plakaten, mit einem geliehenen Kleid auf dem Roten Teppich oder eben mit einem Instagrambild …

    Viele Grüße, Milli
    (http://www.millilovesfashion.de)

  • Danke Lina, es wird Zeit, dass Sophia Thomalla mal einen Spiegel vorgehalten bekommt! Gut auf den Punkt gebracht ohne dabei zu persönlich zu werden!

  • Ohja, wie wahr. Ich langweile mich auch nur noch bei der genormten Wirklichkeit auf Instagram und ich mach mir wirklich sorgen über das Frauenbild, der uns folgenden Generation. Als Frau muss man nur noch hübsch sein, lange blonde Haare, schlank und braun gebrannte Haut. Ansonsten muss man nichts können, außer vielleicht die Klappe halten, weil eine eigene Meinung bestimmt bei den Followern nicht so gut ankommt. Schrecklich!!
    Gut, dass du anders bist. Ich liebe deine Artikel und Feier deinen Schreibstil!
    #frauenpower #girlboss

  • Ich habe mich in letzter Zeit so häufig mit verschiedensten Personen über genau dieses Thema unterhalten… Influencer-tum/Ruhm, ohne jemals was dafür geleistet zu haben. Mich als Frau mit 2 zeitfressenden Jobs und einem vollbeladenem Praxis-Studium, die sich wirklich den Arsch aufreißt um im Leben ihr Ziel zu erreichen und was aus sich zu machen, ärgert diese Tatsache ganz besonders, und das fast tagtäglich. Schön, dass du das Thema angesprochen und auf den Punkt gebracht hast:

    ‚… dass das größte Übel an singenden Lippenstifttesterinnen nicht die Songs selbst sind, sondern der ganze Lifestyle und vor allem die Werte, die sie ungefiltert und verzehrt vermitteln. Nichts können, nichts studiert oder gelernt haben, sich an nichts halten, nichts müssen und doch alles haben.‘

    Liebe Grüße

  • Wow, dachte ich mir gerade, denn beim Durchlesen hat gerade jedes einzelne Wort gegessen.
    So schreiben und vor allem denken zu zu können, das ist wahres Talent.

  • aber Promiflash liest man doch nicht, das ist wie die Bild oder Gala – oder irre ich mich da? 🙂 Als ich den Titel dieses Post las, dachte ich, Sophia hat was schlimmes rausgehauen, aber diese paar Zeilen im Promiflash… (nein ich bin kein Thomalla Fan). Ich finde, da hätten einige andere „Personen des öffentliches Lebens“ (seien es Stars, Politiker usw.) einen offenen Brief verdient.

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