natürlich.

    "Ist es natürlich?"

    „It’s gonna get better“, steht in dünner Kreide auf der dunklen, glatten Tafel vor dem Coffee Shop. Sie reflektiert das Sonnenlicht, wirft es mir ins Gesicht, am liebsten würde ich stehenbleiben und die Augen schließen, die Menschen, die Masken an mir vorbeiziehen lassen, sie vergessen und aufsaugen, was ich gerade gelesen habe, aufladen, woran ich glaube, ganz fest, ständig: es wird wieder besser.

    Ich bestelle einen Cappuchino, Nero singt, während er die Milch aufschäumt, will wissen, was ich von denen neuen Restriktionen halte, was ich heute vorhabe, wie lange ich noch in der Stadt bleibe. Wir kennen uns seit vielleicht zwei Wochen, es ist der dritte Kaffee, den ich überhaupt bei ihm kaufe, immer auf dem Rückweg vom Labor, in dem ich meine Filme entwickeln lasse. Beim ersten Mal, wartete ich länger auf mein Uber, beim zweiten Mal brauche ich dringend Koffein – heute bin ich dankbar, für 4 Worte und das Gefühl, dass ich nicht ganz allein an ihnen festhalte, also kaufe ich einen Kaffee, unterstütze den Mann, der hier jeden Tag hinter seinen kleinen Theke auf der Long Street steht, der mir heute erneut ein Lächeln und ein kurzes Gespräch schenkt, ohne dass er müsste, ohne dass es ihn anstrengt.

    Als ich mich verabschiede winkt er mir hinterher: „I’ll see you in Feb – by the latest! I will be here and so will you!“ Ich nicke, in diesem Moment glaube ich ohne Zweifel, dass er Recht hat.

    Während ich über die Longstreet laufe, höre ich die Sprachnachricht einer guten Freundin, die schon seit ein paar Tagen umbeachtet in meinem Archiv liegt. Ihre Stimme arbeitet sich schleppend durch den Hörer, in flacher Kurve erzählt sie mir davon, dass nichts schlimm, aber auch nichts gut ist, nicht der Job, nicht die Wohnung, nicht die Stadt, nicht das neue Jahr. Ihr geht es gut, aber nicht gut genug, sie will nicht klagen und dennoch ist es alles, wozu sie sich gerade aufraffen kann.

    Am Ende der Nachricht fühle ich mich so ausgelaugt, wie sie klingt. Weiß nicht, was ich antworten könnte, weiß nicht, ob es gerade etwas gibt, das sie erleichtern könnte.

    Natürlich ist das ok. Natürlich ist sie geschafft, natürlich ist sie müde, natürlich verhindern die immer neuen Restriktionen jede Leichtigkeit. Natürlich hat sie Angst, oder – diffuse Sorge. Natürlich darf sie an manchen, an immer mehr Tagen auch mal verzagen, sich sogar von Zeit zu Zeit verlieren. Natürlich ist sie damit nicht allein. Natürlich verstehe ich sie. Natürlich fühle ich für sie. Natürlich geht es uns allen ähnlich, an immer mehr Tagen.

    Natürlich.

    Ist es natürlich, dass wir Kummer erwarten, dass Missmut unsere Normalität ist, dass wir uns für Glück, aber längst nicht mehr für geschwankte Stimmung entschuldigen? Dass wir Freude verstecken? Dass wir Endorphine und gute Momente verheimlichen, um sie zu beschützen? Dass ich zögere, bevor ich schließlich tippe: „Ich hoffe trotzdem, dass du heute einen schönen Tag hast“? Dass ich Angst habe, dass sie mich falsch versteht? Dass ich meine Hoffnung verschweige und mich unwohl dabei fühle sie zu teilen?

    Ist es natürlich?
    Dass die Distanz Freunde fremd und Fremde einander nah werden lässt?

    anything to say?

    Comments

    • Und wie natürlich das ist.. klar möchte man immer fokussiert sein und step by step seinen Weg gehen.. aber genauso gut verlässt einen auch mal der Mut, man zweifelt oder fängt an „Sachen“ zu zerdenken.. das ist menschlich.. und das du das so offen teilst macht dich einfach zu einem „echten und authentischen“ Menschen..
      Danke dafür..🥰 Du tust mit deiner „Art und Weise“ einfach nur gut.. und hast mich schon ganz oft wieder mutiger sein lassen.. und gleichzeitig fühlt es sich manchmal weniger schlimm an wenn man doch auch mal wieder schwach ist.. 😊

    • Liebe Lina,

      das Gefühl und die Situation , die du beschreibst, kenne ich nur zu gut. Danke, dass du sie mit uns teilst.

      Anstatt mit den Dingen zufrieden zu sein, die man hat: Gesundheit, Familie, Freunde, einen Job, ein Dach über dem Kopf oder genug zu essen – sind viele Personen in meinem Umfeld ebenfalls ständig genervt oder schlecht drauf, wegen Corona. Allerdings wird es nahezu immer heftiger.
      Natürlich bin ich das auch irgendwo und finde die Situation mehr als bescheiden. Denn auch ich habe viele liebe Menschen ewig nicht gesehen, vermisse bestimmte und selbstverständliche Freiheiten, die wir normalerweise innehaben. Aber dennoch ist für mich nicht alles an dieser Situation schlecht. Und das obwohl mein Job auf der Kippe steht, da die Firma einen zweiten harten Lockdown vllt nicht überstehen kann und ich darum ehrliche Existenzangst habe, was manche meiner zum Teil wirklich in sicheren Jobs sitzenden, missmutigen Freunde nicht kennen. Wenn ich Ihnen eben das dann sage, dann sind sie dennoch schlimmer dran als ich und es wird alles noch eine Spur drastischer.

      Trotz allem habe ich das Gefühl das im
      Moment alles „okay“ sein kann und es irgendwann wieder gut wird.

      Solange finde ich eben andere positive Dinge. Finde anders zu mir und den Menschen. Schätze meine neu gewonnene „me-Time“ sehr. Nehme mir Zeit für Yoga, Spaziergänge, Bücher und Fotografie und schätze vor allem die guten und positiven Menschen in meinem Umfeld, auf der Straße und im Supermarkt mehr, die mir ein freundliches „Hallo“ oder „Bleiben Sie gesund.“ entgegnen.

      Es sind die kleinen Dinge. Auch die Freunde, mit denen es via Zoom, Skype oder whatsapp, trotz der Distanz kurz so gut und vertraut wie früher wird und mir denen sich alles für einen Moment wieder normal anfühlt. Davon kann man schon eine ganze Weile zehren.

      Deshalb glaube ich fest, dass das vllt der Sinn von diesem ganze Chaos sein kann:
      Das Leben wieder schätzen lernen, negativen Dingen weniger Bedeutung beizumessen und sich eben von den leider aktuell permanent negativ denkenden Menschen zu distanzieren. Nicht, weil sie einem nichts bedeuten. Einfach nur, weil man damit selber vielleicht aktuell nicht gut umgehen kann. Man lernt, sich wieder selbst zu schützen, sich nicht alles Leid der Welt aufzuladen, um in dieser Zeit nicht selber vollends verloren zu gehen oder den Verstand zu verlieren, trotz all der negativen Ereignisse und Ängste um uns herum.

      Entschuldige, dass es so viel länger geworden ist als ich zunächst dachte. 😀

    • Oh Scheiße Lina, wie sehr mich das abholt… wie treffend diese Frage ist. Ist es überhaupt in Ordnung in diesen Zeiten Freude zu finden? Kann man überhaupt sagen, wenn man gerade glücklich ist? Wie man sich sonst rechtfertigen musste für depressive Verstimmungen, die jetzt aber als selbstverständlich gelten. Und wo bleibt die Freude? Darf ich das überhaupt spüren, wenn da draußen so viele Menschen sterben, so viel Unheil herrscht? Ist es mein Recht mich für mich alleine in meiner leeren Wohnung mit mir und mir selbst davon loszusagen?

    • WOW. Ich weiß nicht wie du das machst, aber Lina du schaffst es Gefühle und verwirrtes Gedankenchaos in Worte, schwarz auf weiß zu bringen. Du schaffst eine Balance von unerklärtem Verständnis und den richtigen Fragen. Du sprichst vielen denke ich aus der Seele.

      Danke, dass du das ständig machst.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

    Name