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#TWENTYSOMETHING COLUMN – DAS WERDE ICH BEREUEN

Ich greife nach seinem Nacken, nach seinen Haaren, nach ihm, ziehe ihn zu mir, lehne mich gegen das kalte Metall in meinem Rücken, schließe die Augen, fasse nach dem Gürtel, der Tasche, dem Schlüssel und sehe kein einziges Mal auf, nicht einmal, als ich ihn hinter mir her in die Nacht ziehe, die Straßen raus. Hundert Meter noch.


Ich bin nicht hier, um es richtig zu machen.

Ich bin hier um es so richtig zu versauen.
Um mir zu beweisen, dass ich es noch kann, kopflos die Dinge an die Wand fahren, bis ich sie stark genug, groß genug, schwer genug fühle.

Ich bin hier um es einen Abend lang endlich wieder so richtig falsch zu machen, alles zu fühlen, nichts zu dürfen, es trotzdem zu machen, Vernunft nicht nur wegzuwerfen, sondern zu verlachen und mich ein paar Stunden von dem befriedigend destruktivem Gefühl einnehmen zu lassen, das mir manchmal das Gefühl gibt lebendig zu sein. Das Fallen zu genießen und den satten Aufprall noch viel mehr.

Es steckt in mir, ganz tief drin, es treibt mich immer mal wieder an, diese Sehnsucht nach dem Chaos, aus dem ich wie ein Gewinner gehen will.
Bis ich es doch nicht tue.

Bis sich nichts mehr anziehend daran anfühlt mich untergehen zu lassen, in einem Spiel, das ich beherrsche, bis es wahr und Tag wird, bis der Kater kommt, die Aspirin nicht an und die Konsequenzen einschlagen.

Aber jetzt, jetzt in diesem Moment, vielleicht auch nur noch ein paar Minuten lang, will ich, dass wir zusammenknallen, ineinander einschlagen, ich will, dass es zählt, dass wir ein guter Fehler werden, so einer, den man nur äußerlich betrauert, aber innendrin für berauschend hält.

Es ist nicht so, als würde ich mich gern hassen, als würde ich gern bereuen, leiden, als ginge es um den Schmerz oder die Unruhe, die all das hier auslösen könnte.
Es geht um den immer gleichen Drang.
Lieber zerschellen, lieber leuchtend und lieber lichterloh in Flammen aufgehen, ausbrennen – als still und leise zu ersticken, als einfach kleiner zu werden, einfach zu verschwinden.

„Jetzt nicht aufhören“, sage ich, als er mich im Flur von sich schieben, das Licht anmachen, vermutlich Atem und noch zwei Bier aus dem Kühlschrank holen will.


Jetzt nicht denken, jetzt nicht reden, jetzt nicht klar sehen.
Denn wenn ich Abstand kriege, ist die Eskalation vielleicht noch zu verhindern..


Ich brauch keinen Applaus dafür.
Der macht es nicht euphorischer.
Brauch keine Hilfe damit.
Die hält mich nicht auf.

Will gar nicht wissen was damit kaputt gehen kann.
Ich brauch den Schaden gar nicht sehen.
Dafür nicht.

Ich brauch nur den einen Moment, kurz bevor alles hochgeht.

Aber heute nicht, heute nicht.
Heute doch.
Nicht.


anything to say?

Comments

  • Boah, Lina. Immer wenn ich denke, dass deine Texte eigentlich nicht mehr besser werden können – haust du sowas raus. Ich hab Gänsehaut vom lesen, wirklich. Du schaffst es wirklich wie kaum jemand, einem Situationen und Gefühle nicht einfach nur beschreiben, sondern sie einen in dem Moment, wo man deinen Text liest, wahrscheinlich fast so intensiv selbst fühlen zu lassen wie du sie in dem Moment empfunden hast. Es reißt mich jedes Mal aufs neue so dermaßen mit… hör bitte nie auf damit. Und wenn man dann noch dieses Gefühl einfach so, so sehr nachvollziehen kann… oh man. Und die Bilder – mal wieder der absolute Wahnsinn.

  • Ich will nicht immer nur „schöner Text“ schreiben und will auch gar nicht „analysieren“. Ich finde einfach, du hast Talent Gefühle rüberzubringen, ECHTE Gedanken und Gefühle. Als würde ich ein gutes Buch lesen und mich in die Gedankenwelt der Protagonistin führen lassen. Kompliment.
    Hab einen schönen Tag 🙂

  • Die Worte gehen mir unter die Haut, Bilder meines eigenen Lebens erscheinen vor meinem inneren Auge. Mit Abstand betrachtet find ich es auch super spannend an welche Situationen in ihrem Leben dieser Text andere erinnert. Du kannst stolz auf duch sein Lina <3

  • Ja manchmal ist es ganz gut den Kopf auszuschalten und einfach wider der Vernunft zu
    handeln. Das ist in jedem Alter so…
    Ich muss nun noch lernen, die Reaktion meiner
    Freunde auf solche „Aktionen zum Vergessen oder nicht nachdenken müssen“ zu überhören.
    Ein wunderschöner Text! Du bist ein großes Vorbild:)

  • Wow, ich bin sprachlos. So intensiv und deep. Ich kann dieses Gefühl so gut nachvollziehen – könnte es aber nie so kunstvoll verpacken. Danke!

  • Einfach Wahnsinn!! Der Text lässt einen fast „dabei“ sein. Nur wer solche Moment erlebt hat weiß wie es sich anfühlt!
    LG

  • Ich war gerade in dem Flur. Beim lesen dieses Textes bin ich echt in dem Flur gelandet, so real haben sich die in mir aufsteigenden Gefühle und Emotionen angefühlt.
    Der Letze punkt gelesen und ich sitze wieder hier, im Wohnzimmer und bereue es gestern nicht an den Ort gegangen zu sein, der mir diese Gefühle für eine weitere Nacht bescheren hätte können. Lustig eigentlich. Hätte ichs getan wärs mir um die Ohren geflogen und ich würde es bereuen. Ich habs nicht getan und bereue es trotzdem, wenn nicht noch mehr.
    Danke für den Text, danke dass ichs trotzdem auf eine Art fühlen durfte.

  • So eine Gänsehaut beim lesen… deine Texte sind jedes Mal auf den Punkt und machen so viel Spaß zu lesen. Man fühlt einfach mit! Mach immer weiter so! <3

  • Lina, immer wieder gehen deine Worte so dermaßen unter die Haut! Ich finde mich darin wieder und fühle mit. So sehr. Deine Art zu schreiben ist wundervoll – hör bloß nie damit auf. Ein Buch von dir wird sicher klasse werden!
    Ganz liebe Grüße!

  • Ich finde es einfach nur Traumhaft wie du schreibst. Gerade in diesem Beitrag nennst du nichts beim Namen, nichts als Gedanken, die wohl die meisten sehr gut kennen. Du schreibst voller Gefühl und ohne plump zu werden, wie es leider oft bei solchen Themen vorkommt. Dein Stil fesselt mich immer wieder. Danke für diese Freude an einem verregneten Sonntag.

  • Wow!
    Für immer leuchten, nie ersticken. Oder einmal leuchten statt immer zu ersticken.
    Danke, ich fühle was du sagst, du sagst, was ich fühle!

  • Du machst mich sprachlos. Dieses Gefühl hast du so intensiv beschrieben, du sagst genau das was ich fühle. Danke für diesen wunderbaren Text.

  • „Lieber zerschellen, lieber leuchtend und lieber lichterloh in Flammen aufgehen, ausbrennen – als still und leise zu ersticken, als einfach kleiner zu werden, einfach zu verschwinden.“

    Direkt, ehrlich – gleichzeitig so viel Gefühl und Gänsehaut..
    Durch Texte, wie diesen hier, fühl ich mich nicht mehr so allein als „Chaosmensch“ 😀 <3

  • Einfach nur eins: Wow!
    Du schaffst es immer wieder mich einzufangen. Deine Texte machen mit mir genau das: Luft anhalten an den richtigen Stellen, ein Seufzen – mal hörbar und mal in Gedanken und ich fühle mich beim lesen als wäre ich mitten in der Situation und empfinde sie mit.
    Danke für deine tollen Texte, ich freue mich schon auf die nächsten.

    Dir einen guten Start in die Woche
    Sina

  • Oh Lina, ich bin jedes Mal aufs Neue so fasziniert von deinem Schreibstil – ganz unabhängig vom Inhalt (wenngleich der das Ganze natürlich abrundet). Aber diese Art immer wieder Steigerungen einzubauen, diese Wortgewalt, mit der du ganz langsam Spannung aufbaust und dann … alles mit einem kurzen und prägnanten Satz beendest. Zuerst gar ausschweifend und erzählerisch und dann ein abruptes Ende, das genau die Situation so gut widerspiegelt.
    Deine Fotos finde ich heute übrigens besonders schön, fast, als würden sie wortlos einen Teil der Geschichte miterzählen.

    Alles Liebe.

  • Ohh Lina, deine Texte sind einfach immer wieder nur großartig. Ich lese so gerne auf deinem Blog. Und auch die Live Chats auf Instagram sind immer wieder besonders. Einfach erfrischend ehrlich. ich höre dir unglaublich gerne zu.

    Ganz liebe Grüße,

    Stephie von http://www.stephieey.com

  • Zum 1000 Mal gelesen, zum 1000 Mal mitgefühlt und immer und immer wieder sich doch irgendwie in der ein oder anderen Zeile wiedergefunden.

    Bei jedem deiner Text…und das seit Jahren… dank dir Lina ♥

  • Hey Lina,
    Ich habe deine Podcasts neulich auf Spotify entdeckt und was soll ich sagen: ich liebe liebe liebe liebe sie! Ich war richtig traurig, nach dem ich alle gehört hatte. Also mach weiter so!
    LG Anna

  • Wunderbarer Text. Wenn man es selbst gerade so erlebt hat dieses Jahr ist es besonders abgefahren wie Du es eingefangen hast…dieses Gefühl. Wahnsinnig gut mitten in den Kern getroffen. Danke dafür und ein Riesenkompliment an Dich, habe Tränen in den Augen.

  • Bis jetzt war ich immer eine „stille“ Leserin und habe deine Texte nicht kommentiert, aber dieser spricht mir soo aus der Seele, dass ich dir einfach endlich mal ein ganz, ganz großes Kompliment für deinen Schreibstil und deinen Blog aussprechen muss! Die letzten drei Jahre habe ich auch immer wieder „gerne“ diesen „Fehler“ begangen und habe mich durch diesen Post so in das Gefühl zurückversetzt gefühlt, dass ich es beinahe irgendwie vermisse. Du hast einfach ein Talent dafür andere dazu zu bringen sich in jegliche Situationen, die du beschreibst, hineinzuversetzen!

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