#TWENTYSOMETHING COLUMN: 24 STUNDEN AUF OXYTOCIN UND ZWISCHEN DEN GEFÜHLEN

17. Mai 2017

Ein Kuss, ein „Bye“ und dann die Tür die ins Schloss fällt. Das ist ziemlich wenig, für echte Erwartungen, zu wenig für Hoffnungen, genug für ein Ziehen in meinem Magen und so viel mehr, als ich gewohnt bin. Und wahrscheinlich genau mein Problem.

Ich liege im Bett, das wir gerade noch geteilt haben – und atme tief durch. „Es kann nicht gut sein, wenn es dir Seitenstiche macht.“ Das denke ich beim joggen oft – also könnte es ja eigentlich auch auf Dates ganz gut zutreffen. Auf den Mann, den ich gerade zum vierten Mal getroffen habe und von dem ich jedes Mal glaube, dass ich ihn nie wieder sehe – bis ich es tue.

Es ist die grenzenlose Perspektivlosigkeit dieser Geschichte, die jeden Abschied nicht ungebunden und zwanglos, sondern final macht.
Ich muss mich nicht fragen, ob wir uns irgendwann mal wieder über den Weg laufen, denn ich weiß sicher, dass wir es nicht tun, weil 2 Leben und 10000 Meilen zwischen uns liegen.
Entspannte Ausgangssituation, um sich nicht zu viele Gedanken zu machen und einfach zu genießen oder? Ja. Bis man sie sich doch macht. Und nicht mehr nicht machen kann.

Allein schon weil er zurückruft. Immer.
Allein schon, weil er über Nacht bleibt. Jedes Mal.
Allein schon, weil er mir gestern etwas von seiner Arbeit erzählen, statt mir sein Ego beweisen wollte. 

Das Bisschen reicht, um jemanden, der eine lange Reihe von immer gleichen, kuss-phobischen und sicherheits-distanzierten Männern gedated hat, in eine innere Diskussion darüber zu stürzen, ob das Schicksal nun ein absurden Sinn für Humor hat – oder hier das bloße Nicht-Können mich zu einem Unbedingt-Wollen drängt.
Hatte ich gerade am anderen Ende der Welt die verlockende und gleichzeitig grausame Chance bekommen, Einen von Zehn zu treffen und wieder vergessen zu müssen oder war ich so damaged, so ausgehungert und sehnsüchtig, nach jemandem, der seine Pizza im Bett mit mir teilte und nach meinem Tag fragte, während ich Wein einschenkte, dass ich ein mitgebrachtes Abendessen und körperliche Nähe, die nicht einmal Sex bedeuten musste mit echter Zuneigung verwechselte

Während mein Kopf sich noch unsicher ist und sich zumindest noch an Rationalität erinnern will, hat mein Körper sich längst entschieden. Er reagiert klassisch chemisch, mit springendem Puls, flacher Atmung und leichter Übelkeit.

Vierrundzwanzig Sunden dauert dieser Zustand vermutlich. Vier-und-zwanzig. Dann ist das Oxytocin in meinem Körper wieder auf Normallevel, dann fühle ich wieder etwas anderes, als Verlustangst und Nervosität, dann zwingt mir die Natur keine übersteigerten Bindungswünsche mehr auf, lässt mich nicht mehr verstärkt und pausenlos fühlen, wünschen und sehnen. Nur diesen einen Tag überstehen.
Und zwar irgendwo zwischen Selbstaufgabe in der geteilten Bettdecke und Ablenkung durch Sicherheitsabstand.

Vielleicht sitze ich deswegen gerade in einer Bar, ordere um 14:14 Uhr ein Glas Rosé und schreibe bereits 500 Worte ohne echte Pointe, Richtung oder Nachhaltigkeit, über ein Tinderdate, das ich einfach nur einmal zu oft getroffen habe.
Oder jemanden, der mir unglücklicherweise genau dort über den Weg gelaufen war, wo wir nicht stehen bleiben, abwarten und herausfinden konnten.

500 Worte, wegen einer Tür, einem Kuss und einem zerknautschten Kissen.

Und natürlich weiß ich, wie lächerlich sie klingen, und ich weiß auch, dass ich diesen Text in ein paar Monaten beschämt lesen werden – nur um ihn dann beim nächsten Mal, wenn es wieder passiert, doch wieder genau so schreiben zu können.

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9 Comments

  • Renate 17. Mai 2017 at 15:43

    Ach Lina, ich fühle und fiebere mit 😀 Lass es doch zu 😉
    schön geschrieben, toll zum lesen ( zweimal gelesen ).
    Genieße es
    LG Renate

    Reply
    • Lina Mallon 17. Mai 2017 at 15:44

      Zulassen ist keine Einbahnstraße 😌❤️

      Reply
  • Kathi 17. Mai 2017 at 16:19

    Liebe Lina, mein Gott du sprichst mir aus dem Herzen. Vor zwei Jahren stand ich an deiner Stelle, und zwar nicht nur emotional sondern auch geographisch☺.
    In Kapstadt traf ich diesen einen besonderen Menschen, mit dem es auf allen Ebenen funkte aber im „echten“ leben eben nicht funktionierte. Auch ich bin nochmal hingefahren und habe es keine Sekunde bereut ❤

    Reply
  • Lisi 17. Mai 2017 at 16:47

    Aus Angst vor diesem Gefühl schiebe ich mein Tinder Date seit Wochen vor mir her – er ist immer noch da, verrückt irgendwie, oder?

    Alles Liebe, Lisi

    Reply
  • Pia 17. Mai 2017 at 16:51

    Wow, der Text fühlt sich wahnsinnig echt an. Man merkt das du ihn gerade so runtergeschrieben hast (im positivem gemeint).
    Du schaffst es mit so wenig Worten, soviel Gefühl rüber zu bringen. Ich kann mir die ganze Situation sofort vorstellen und mich (leider) sehr gut hinein versetzten…
    Genießt die Zeit noch in Südafrika 😉

    Reply
  • Silja 17. Mai 2017 at 17:45

    Wunderschöner Text ❤️❤️

    Reply
  • Caroline 17. Mai 2017 at 21:20

    Nun, ich habe auch mal einen ganz tollen Menschen in Kapstadt getroffen . Es hat mich nicht losgelassen, ich bin wieder hin, blieb ein Jahr – und nun sind wir verheiratet. Wenn dich die Stadt und der Vibe mal gepackt hat, lässt es dich nicht mehr los. Trau dich!

    Reply
  • Sonja 18. Mai 2017 at 06:39

    Ich finde diese Momentaufnahme mehr als passend und schätze es total, dass du uns so in deine Gedanken- und Gefühslwelt reinlässt.

    <3, Sonja
    http://www.littlewhitepages.wordpress.com

    Reply
  • Petra 18. Mai 2017 at 07:08

    Puuuhhhh Lina….
    Krasser Text. Ich lebe mich. Erlebe grad was sehr Ähnliches. Nicht Kapstadt, viel näher, aber doch weit weg…
    Und ich fühle mich nun weniger kaputt und krank und damaged wie du es nennst, weil ich grad gelesen habe, dass
    solche Gefühle, solche Chemiecocktails im Körper tatsächlich auch bei anderen Menschen existieren! Bei Menschen wie
    dir, deren Gefühlswelt mir sehr nahe steht, die ich total begreifen und nachvollziehen kann. Bin ich jetzt doch nicht irre?
    Von meiner Kindheit total für immer und ewig verdammt komisch zu sein? …
    Danke für den Text Lina. Und ich drück dir die Daumen. Wofür auch immer. Kann man ja bei einer solchen Story nicht
    genau sagen… Wünsche dir viele Hochs und nur ganz wenige Tiefs…

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