TWENTYSOMETHING COLUMN: BASOREXIA

6. Februar 2017

Seit 34 Minuten und 20 Sekunden lasse ich mich vom Curser im weißen Fenster anblinken. Ich hab schon dreimal angefangen, dreimal alles markiert, gelöscht. So geht das eigentlich nicht erst seit einer halben Stunde, sondern seit Tagen. Es ist ein Teufelskreis. Bestehend aus eben jenem blinkenden Curser, meinen Händen, die bewegungslos auf der Tastatur liegen, dem Gang zum Kühlschrank, meinem Magen, der sich verengt und dann doch nichts will und meinem Kopf, der unter größter Anstrenung versucht, Gedankenfetzen festzuhalten, die kurz auftauchen und dann sofort wieder in sich zusammenfallen.
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich minutenlang unbewegt quer durchs Zimmer starre, rüber zum Sideboard, auf die großen Bilder, die Ruhe in den Raum bringen und ihn mit Atmosphäre, statt mit Stauraum füllen sollen. Basorexia steht auf dem einen in geraden, klaren Buchstaben. Basorexia – das unbändige Verlangen nach einem Kuss. Ausgerechnet.

Ich hab dich seit Wochen nicht geküsst. Das letzte Mal vor 74 Tagen. Das weißt du natürlich nicht so genau. Ich bin mir sicher, es ist dir nicht einmal aufgefallen. Und das nicht, weil du ignorant wärst. Sondern weil ich wohlmöglich verliebt bin. Und du nicht.

Du bist der Mann, mit dem ich auch gern meine Donnerstage und nicht nur den Samstagabend verbringe. Für dich ist es der freie Nachmittag der Woche, den du nicht ungenutzt lassen willst.
Du bist der Mann, mit dem ich Pizza auf meinem Wohnzimmerfußboden teile, während ich dir meinen Lieblingsfilm zeige. Du wolltest noch schnell einen Happen essen und dann entspannt einen Film sehen.
Du bist der Mann, der mich fragt, ob er mich noch ein Stück mitnehmen soll. Tatsächlich haben wir einfach nur den gleichen Heimweg.

Wenn wir gemeinsam deinen Anzug für die Gala am Monatsende aussuchen, finde ich das intim, persönlich. Du findest, dass ich Geschmack habe.
Wenn du deine Hand auf meine Schulter legst, fühlt sich das vertraut an. Du findest das auch, immerhin sind wir ja Freunde.
Wenn ich dich lange ansehe, dann weil ich deine Nähe suche. Du glaubst, dass ich deinen grauen Hoodie nicht mag.
Wenn wir eine Flasche Wein zusammen trinken, hoffe ich, dass du schließlich wieder die Hand in meinen Nacken legst und mich zu dir ziehst.
Nach dem zweiten Glas erzählst du mir von dieser Frau, die du getroffen hast.
Wenn wir ein Film wären, wenn das hier 500 Days of Summer wäre, du wärst die rechte und ich die linke Seite.

Ich hab das alles nicht kommen sehen. Und ich glaube, für dich hat sich gar nichts verändert.
Für dich sind wir noch immer die zwei Gegensätze, die sich für einen oder zwei Momente angezogen haben.
Für dich sind wir Freunde, die irgendwann mal zusammen aufgewacht und schlicht darüber hinweggekommen sind.
Für mich ist vielleicht seit einem dieser Tagesanbrüche alles anders.
Obwohl ich eigentlich nicht mal mehr genau weiß, ob es ein Morgen, ein Abend, ein Blick, ein Gespräch oder ein Streit war.

Wenn ich sage, dass ich niemals geplant habe, mich in dich zu verlieben, dann klingt das wie ein Klischee. Denn wer plant denn schon Zuneigung? Aber du und ich, das was ich fühle, wenn du mir die Tür aufmachst, wenn es für mich das langersehnte Wiedersehen nach acht Tagen ohne dich und für dich einfach noch ein Bier mit einer guten Freundin ist – das hab ich nicht erwartet, nicht einmal gewollt oder sofort geglaubt.
Das war nicht einfach da, das schoss mir nicht wie Funken ins Mark, so wie es das sonst tut, das war mir nicht sofort klar und kein Kribbeln, keine Euphorie. Es ist wie ein Ziehen in meinem Magen, das sich anschlich, das immer stärker wurde und dann irgendwann nicht mehr zu ignorieren war.
Das sorgt dafür, dass ich dir dreimal am Tag alles sagen und dann doch lieber so lange schweigen will, bis es wieder weggeht.

Weil ich dich gar nicht sagen hören muss, dass wir nur Freunde sind.
Weil ich dir nicht dabei zusehen will, wie du dich von mir entfernst.
Weil du nicht irgendein Typ bist, dessen Nummer und Geburtstag ich in ein paar Monaten vergessen habe.
Weil ich lieber den Donnerstag und das Gefühl deiner Hand in meinem Nacken aufgebe – als dich.

 

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34 Comments

  • A Guy Called Classic 6. Februar 2017 at 15:01

    Wer war nicht schonmal in der unangenehmen Situation, dass Gefühle nicht erwidert werden. Ich kenne das und wünsche baldige „Genesung“.

    Reply
  • Julia 6. Februar 2017 at 16:10

    Wow… du kannst so wundervoll mit Worten umgehen, mit Buchstaben balancieren und sie zu etwas ganz Großartigem verbinden. Das war ein so wunderschöner Text.
    Ich bin mit meinen (fast) 18 Jahren wahrscheinlich eine deiner jüngeren Leserinnen, und auch wenn ich schon in einer Beziehung bin, seit ich 13 bin (klingt verrückt – ist es vielleicht auch? Ein klitzekleines Bisschen zumindest mit Sicherheit. Aber sind wir das nicht alle, ein bisschen verrückt…?), finde ich es so spannend und ergreifend und kann mich tatsächlich ein wenig in deine Lage hinein fühlen. Es gibt immer den einen, der den anderen mehr liebt, egal ob innerhalb einer festen Beziehung oder in einer mehr oder weniger ’normalen‘ Freundschaft. Ein wichtiges, für mich auch etwas trauriges Thema, da ich mich auch meistens in der „mehr“-Rolle sehe. Mehr geben, mehr bemühen, mehr lieben. Mehr erwarten. Und enttäuscht sein, wenn man es nicht zurück bekommt.
    Hast du schon einmal mit dem Gedanken gespielt, ein Buch zu schreiben? Ich würde es mir auf der Stelle holen! Ich könnte deine Texte wirklich stundenlang lesen. Herz an dich, liebe Lina.

    Reply
  • Lena 6. Februar 2017 at 16:31

    Tröstende Zeilen brauchst du nicht. Worte hast du selbst. Aber eine Umarmung, eine feste Umarmung schicke ich dir.

    Reply
  • finja 6. Februar 2017 at 16:44

    Toll geschrieben, ich fuehle mit…. Deine Worte sind immer so schoen. Ne gute Woche dir.
    xx finja | http://www.effcaa.com

    Reply
  • jana 6. Februar 2017 at 17:11

    Mir hat dieser Text echt die Sprache verschlagen. Es ist so unglaublich gut und gefühlvoll geschrieben und ich sitze hier im Büro und kämpfe gegen die Tränen. Nicht, weil es mir jetzt gerade so geht, aber weil du genau dieses Gefühl, was ich auch schon gespürt habe, durch deine Worte in mir wieder geweckt und zurück geholt hast. Und irgendwie kommt nicht mal ansatzweise rüber, was ich eigentlich sagen will, aber der Text der glaube ich beste, den ich jemals gelesen habe.

    Reply
    • Vanessa 6. Februar 2017 at 22:16

      Da kann ich dir einfach nur zu 100 Prozent zustimmen!

      Reply
    • Anna 7. Februar 2017 at 23:10

      Ich stimme dir sowas von zu. Unglaublich.

      Reply
  • Laura 6. Februar 2017 at 17:15

    Wow. Normalerweise finde ich deine Kolumne vor allem unterhaltsam, aber dieser Text geht bei all seiner Kürze so richtig unter die Haut, weil es wie eine Zeitreise zurück zu dem Punkt ist, an dem ich selbst wieder und wieder vor einem blinkenden Cursor saß und Gedankenbriefe geschrieben habe, die nie jemand lesen sollte. Vor allem nicht er. Das Gefühl dabei ist unglaublich lähmend, denn egal, was du tust: Letztendlich wirst du immer etwas aufgeben, sei es eure Freundschaft oder ein Teil von dir selbst.
    Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass die ganze Sache irgendwie gut für dich ausgeht – in welcher Form auch immer!

    Reply
  • Käthe 6. Februar 2017 at 17:20

    Oh Wahnsinn! Was für ein Text! ♡

    Reply
  • Johanna 6. Februar 2017 at 17:36

    Oh Lina, mir ist beim Lesen das Herz schwer geworden… Fühl dich doll gedrückt!

    Reply
  • Tanja 6. Februar 2017 at 17:55

    Wow! Die Worte die du findest, um etwas zu erzählen, einfach toll. Einer der besten Texte! Sl gefühlvoll und ehrlich, gleichzeitig so warm und trotzdem tut sowas wahnsinnig weh.

    Reply
  • Jule 6. Februar 2017 at 19:36

    Du hast Worte für das gefunden, was seit ein paar Monaten auch mein Leben bestimmt. Ich danke dir sehr dafür. <3

    Reply
  • Julia | themagnoliablossom 6. Februar 2017 at 19:42

    Hach <3

    Reply
  • Kristin 6. Februar 2017 at 20:47

    Danke dir, liebe Lina!

    Ich habe alle deine Kolumnen verschlungen und liebe sie! Aber diese hört sich wie die persönlichste an. Danke, dass du uns immer wieder teilhaben lässt!

    Reply
  • Bibo 6. Februar 2017 at 21:20

    Hey Lina,

    während meiner ersten und einzigen großen Beziehung hast du mich schon begleitet und ich habe mich immer gefragt, wie sich dein Leben wohl anfühlt. Dynamisch, leidenschaftlich, aufregend? Und plötzlich war ich auch eines dieser Singlemädchen und hatte erstmal Angst. Ich habe dir geschrieben, dich nach deinem Sofa gefragt, weil ich plötzlich damit klarkommen musste, aus einem jahrelangen „wir“ ein „ich“ und aus „unserer Wohnung“ ein „mein kleines zuhause“ zu machen. Und mit der neuen Wohnung kamen neue Männer und neue Probleme. Auf einmal habe ich deine Kolumnen mit ganz anderen Augen gesehen, als würdest du von meinem Leben berichten. Immer wieder kann ich mich in deinen Worten wiederfinden und auch dieses Mal beschreibst du eine Situation, die mir gerade nicht weniger vertraut vorkommen könnte. Ich versuche immer wieder einen Weg zwischen einer kühlen, vorsichtigen und einer leidenschaftlichen Version meiner selbst zu finden, die Gefühle zulässt und jemandem mehr Platz im Leben einräumt, als einem selber zuteil wird. Jetzt liege ich hier mit einem Kribbeln im Bauch, das ich gerne auf die Champignons von heute Mittag schieben würde und weiß genau, dass weder mein Essen noch mein gestriges Training schuld an diesem Gefühl sind sondern dass ich es geschafft habe Gefühle für jemanden zu entwickeln, für den ich nur ein nettes Gespräch und ein bisschen Wärme an kalten Abenden darstelle. Hatte ich schon erwähnt, dass besagter Mann nur für wenige Monate in der Stadt ist und bald nichts mehr davon da ist?

    Liebste Grüße

    Reply
  • Lisa 6. Februar 2017 at 21:30

    Mega geschrieben! <3

    Reply
  • Lisi 6. Februar 2017 at 21:33

    Wow, Lina.
    Ich fühle Dich so sehr, manchmal sieht er mich an und fragt, ob alles okay ist … manchmal würde ich einfach gerne sagen ’nein, ich bin tierisch verliebr in Dich.‘ … aber ich schweige, weil er so ein wunderschöner Herzmensch ist und ich lieber ein bisschen von ihm habe, als gar nichts …

    ich drück Dich ❤️

    Reply
  • Samira 6. Februar 2017 at 21:51

    Deine Texte…. <3

    Reply
  • Lisa 6. Februar 2017 at 21:58

    Wahnsinnig toller Text Lina!

    Reply
  • Patricia 6. Februar 2017 at 23:17

    Mein erster Gedanke: „juhu, endlich wieder eine 20 sth column.“
    Mein zweiter Gedanke:“oh, mal recht kurz für ne 20 sth column.“
    Mein dritter Gedanke: „Wow, dieser Text killt mich.“
    Ich hab ihn gleich noch zweimal lesen müssen.
    Ich finde ihn relativ untypisch für deinen Blog, aber er hat mich auf sehr viele Weisen berührt.
    Vielen Dank.

    Reply
  • Kira 6. Februar 2017 at 23:20

    Oh mein Gott, Lina! Du triffst meine aktuellen Gefühle auf den Punkt! Zwar bin ich mit ihm nicht so gut befreundet, wie es bei dir den Anschein macht, aber irgendwie fühlt es sich doch ziemlich ähnlich an.

    Reply
  • Mona 7. Februar 2017 at 10:02

    Danke Lina für diese Kolumne. Du hast meinen Tag damit schöner gemacht 🙂

    Reply
  • Jessica 7. Februar 2017 at 11:52

    Big hug! And: it’s going to get better.

    Reply
  • Jennifer 7. Februar 2017 at 12:26

    Liebe Lina,
    ich bin sprachlos. Das ist für mich persönlich deine „intensivste“ Twentysomething Column. Sie geht einfach sofort unter die Haut.
    Vielen Dank dafür!

    Reply
  • Anna 7. Februar 2017 at 13:53

    mitten ins Herz, Lina. Mitten rein

    Reply
    • Lea 8. Februar 2017 at 13:53

      Genau das und nichts anderes!

      Reply
    • Raphaela 16. Februar 2017 at 12:12

      Mich hat’s auch genau im Herzen getroffen. Ein schöner Stich ins Herz,
      aber das schaffen eben nur deine Texte. So ehrlich und schonungslos.

      Reply
  • Claudia 7. Februar 2017 at 17:10

    Eine deiner besten Kolumnen bisher. Vielleicht die beste. Ich bin ergriffen. Du Wortkünstlerin.

    Reply
  • Sonja 7. Februar 2017 at 19:30

    Freue mich schon sehr auf den Post mit dem Porsche, warte schon den ganzen Tag darauf <3

    Reply
  • Carolina 8. Februar 2017 at 12:03

    Ach Lina. Danke. Für die Zeit, die du hier investierst, deine Gedanken und dass du das Leben ins solch wundervolle Zeilen zu verpacken vermagst.

    Reply
  • Full Of Diaries 9. Februar 2017 at 19:44

    Ich finde mich in diesem Text so wieder. Wunderbar!

    Full Of Diaries

    Reply
  • Serin 10. Februar 2017 at 12:36

    Oh Lina. Das Bild mit 500 Days of Summer hat es mir grad echt gegeben. Uff. Danke! Toller Text <3

    Reply
  • Lia 10. Februar 2017 at 13:25

    Ich schließe mich den anderen hier an in dem ich sage: toller Text, sehr nachvollziehbar und ich hoffe es gibt doch irgendwann ein Happy End (Entweder dass er sich auch verliebt oder du es schaffst dich zu entlieben)!

    Reply
  • Shirley | live4happiness2day 11. Februar 2017 at 19:11

    So beeindruckend, wie du mit wenigen Worten ein so tiefes Gefühl so treffend beschreiben kannst, dass das Ziehen im Magen sich auf all deine Leser überträgt und man sich innerlich so unendlich zerrissen fühlt, ganz egal, wie es einem im eigenen Leben tatsächlich geht. Spricht man auch von Inspiration, wenn es schmerzhaft ist? Ich finde schon: Danke für diese Inspiration.

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