SUNDAY COLUMN: THE REAL THING ABOUT DIGITAL DETOX

9. August 2015

Man könnte meinen ich hätte in den letzten Monaten genug davon gehabt: Hotels, die kein WLAN anbieten, Reiseorte, die nicht dazu nicht einmal über ein Datennetz verfügen, als Ergebnis dann die tagelange Abgeschnittenheit von der Außen– und Internetwelt. Ich denke da an meinen Kurztrip nach Usedom oder die griechischen Inseln. Man könnte meinen ich hätte mein unfreiwilliges digital detox genossen. Kaum. Stattdessen rannte ich im Deadline-Druck von Café zu Café, klammerte mich verzweifelt an 2 Striche und das Aufleuchten der Kombination 3G auf meinem Display. Nicht arbeiten zu können, wenn du musst, wenn dein Job und deine Miete daran hängen, das ist nicht entspannend, das ist keine Zwangspause, die einfach passiert und die man dann irgendwann dankbar annimmt, im Gegenteil, es ist viel mehr ein Druck, der immer größer wird und einem irgendwann jedes Urlaubsgefühl nimmt.
Denn für mich sind es nicht die 3-4 Mails, die ich kurz noch auf dem Zimmer beantworte, bevor wir dann entspannt zum Abendessen schlendern, oder 1-2 Instagrams, die ich ganz nebenbei poste, um euch teilhaben zu lassen, die für mich Stress bedeuten, viel mehr ist es der Gedanke an sich stapelnde Anfragen, unruhige Kunden oder uninformierte Leser, die sich irgendwann fragen, ob ich nun doch noch ausgewandert bin und mit irgendeinem 25-jährigen Surflehrer nach Bora Bora durchbrannte, so wie es in einer single, winter- und regengeplagten Episode im letzten Februar kurzzeitig mein Plan war.

Mit Bedürfnissen ist es nämlich meistens so: werden sie befriedigt oder – könnten sie jederzeit befriedigt werden – haben wir sie gar nicht mehr.
Vielleicht war mein letzter digital detox (oder zumindest die light version) darum so gut. Ich musste nicht online sein. Hatte mich vorher in den Urlaub verabschiedet. Trotzdem konnte ich, wenn ich es dann wollte. Volle Entscheidungsgewalt. Volle Reaktionsmöglichkeit. Und trotzdem keine Termine. Weil ich es so wollte. Ein fantastisches Gefühl. Eins, das wahrscheinlich den Unterschied gemacht hat.

Es fängt damit an, dass ich das iPhone nicht mit zum Abendessen nehme. Es ist unser erster Abend in Miami, es hängt am Netzteil und eigentlich brauche ich es nicht. Auf einen Auslandspass für meine mobilen Daten habe ich bewusst verzichtet. Kosten sparen. Unser Dinner suchen wir entspannt nach Ambiente und Karte aus, nicht nach dem Free-Wifi Zeichen. Im Restaurant sind damit nicht meine ersten Worte: „I’ll go for the mojito oh and .. do you have the passcode for your wifi?“
Daran denke ich gar nicht. Auch nicht, als wir später am Strand die 1,1 Meilen bis zum Hotel zurücklaufen. Oder als ich erschöpft ins Bett falle. Oder wir am nächsten Morgen vom Ozeanrauschen geweckt werden. Erst als wir mit einem Kaffee auf dem Balkon sitzen, geht mein Griff zurück ans Smartphone. Gewohnheit. Ich überfliege ein paar Mails, antworte der Herzdame, die  sehnsüchtig auf ein paar Bilder wartet und poste erste Eindrücke bei Instagram. Das geht nebenbei, das mache ich gern und unter 5 Minuten. Facebook oder Twitter lasse ich bewusst aus. 2800 Tweets oder 430 neue Timeline-Postings nachholen? Ich habe keine Lust und verspüre nicht einmal Neugierde.

Am dritten Tag habe ich mein iPhone fast vergessen. Das erste Mal, seit bestimmt 5 Jahren.
Ich nutze es eigentlich nur, um mit den  engsten Freunden in Kontakt zu bleiben und ab und zu ein paar Bilder zu teilen. Ansonsten lese ich keine News oder Tweets, ich lese ein gutes Bucht. Ich scrolle mich nicht durch Burger und hübsch dekorierte Drinks in meinem Feed, ich gehe sie essen. Selber genießen.

Am siebten Tag fällt mir auf, wie gut es tut, mal ein bisschen Abstand zu nehmen. Natürlich bin ich auch privat im Netz unterwegs, aber irgendwie ist es doch mit der Arbeit verschmolzen. Untrennbar. Das Lesen von Artikeln, anderen Blogs, das Onlinehoppen oder die Pinterest-Runde. Man hört nie auf die Inspiration festhalten oder umsetzen zu wollen, nach neuen Looks zu suchen, sie im Geiste schon zu shooten oder den Content der nächsten Woche zu planen. Der Blog, der Job, das Onlinesein, es ist eigentlich immer da, auch wenn man noch so weit weg ist. Bis jetzt. Ich habe mein Detox-Light gebraucht, denn ich war satt. Satt von Tweets und Trivia, satt von der Internetwelt, sogar satt von meinem Job. Das ist manchmal so. (ich behaupte sogar: das ist vollkommen normal..)
Und erst am siebten Tag bin ich eigentlich auch bereit es ohne jedes schlechte Gewissen zuzulassen.

digitaldetox
Das kommt erst wieder, als ich gestern Abend die Koffer wieder in HH auspacke und mich an meinen Schreibtisch setze. Endgültig zurück. Und damit auch endgültig wieder online. So much internet to do.
Ungelesene Mails, Projekte die ich wieder aufnehmen muss, liegen gebliebene Post-its, die nach einem Rotstift verlangen, unbezahlte Rechnungen. Und trotzdem sind es nicht Papier und Konto, das an meiner Auszeit nagt. Es sind – Freunde & Bekannte, die mir meine Offline-Zeit irgendwie übel nehmen. Zumindest habe ich das Gefühl. als ich mich durch die ersten drei „Schade, dass ich nichts von dir höre..“- Headlines lese.
„Hast du die Nachricht bekommen?“ „Sorry, ist alles gut? Du hast die Nachricht gar nicht gelesen..?“ „Du kannst ruhig sagen, wenn du keine Lust hast. Selbst wenn man im Urlaub ist, kann man ja kurz mal reingucken..“

Selbst Freunde beschweren sich oder – so meine ich – schicken mir als Willkommensgruß ein paar einsilbige Retourkutschen rüber und beschleichen mich immer mehr mit dem Gedanken, dass ich mich für meine Auszeit entschuldigen müsste. Gerade als ich wütend werden will, halte ich mich selbst zurück. War es wirklich deren Schuld? Oder doch meine? War es am Ende vielleicht doch nur eine natürliche Reaktion auf mein sonst so gewohntes Verhalten?
Wer dauer-online ist, seinen Arbeitstag am MacBook verbringt, dem fällt es nicht schwer zwischen zwei Zeilen mal schnell auf Facebook zu antworten, oder via iMessage. Sprachnachrichten höre ich an, während ich Unterlagen sortiere, antworten kann ich bequem, während das Layout verarbeitet wird. Hier am Schreibtisch, findet sich immer eine Möglichkeit schnell zu reagieren. Auf einen Link, eine Frage, einen Vorschlag. Hier bin ich im Online-Modus. Ich muss nicht erst mein Buch weglegen, aus dem Wasser steigen oder mich aufs Zimmer zurückziehen, um zu lesen oder anzuhören, was gerade passiert. Kurz: ich bin sonst 24h erreichbar. Immer. Beinahe jeden Tag. Und während ich mich an den Umstand meines schleichenden digital detox gewöhnen konnte, frei darüber entscheiden konnte, können es die anderen nicht.

Ich denke nicht einmal, dass ich mit diesem Gefühl oder diese Erfahrung allein bin.
Niemand wartet mehr 72h auf eine Antwort auf eine Mail, den Gegenüber mehr als 24h ohne triftigen Grund warten zu lassen, gilt bereits als unhöflich. Oder unprofessionell. (Bei allen schnellen und wichtigen Entscheidungen. Das ist absurd. Vollkommen absurd, was wir uns da auferlegt haben.) Man kann dagegen sein, wie man will. Es ist so.

Eine Nachricht bei WhatsApp lesen und mehr als 4 Stunden nicht antworten? Der moderne Fehdehandschuh. Nicht auszumalen, welche Kriegserklärung (gerade in der Datingwelt) ganze 8 Stunden sein würden. „Du hast doch das Handy permanent neben dir, als könntest du nicht mal 3 Sekunden antworten.“
Und das stimmt sogar. In den meisten Fällen ist es so. Schuldig im Sinne der Anklage.

Vielleicht sind es also gar nicht die Anderen, die Ungeduldigen, die Nervtötenden. Es sind wir. Ich bin es. Die immer erreichbar ist. Immer online. Seit Jahren. Und es damit schwer vorstellbar macht, dass ich eine Woche, einfach so – auf das alles verzichtet habe. Freiwillig. Und es mir damit auch noch so unheimlich fabelhaft ging. 

Share This Post!

12 Comments

  • Lisa 9. August 2015 at 09:59

    Liebe Lina, jetzt würde mich noch interessieren, wie du dein iPhone ins Wasser gekriegt hast, ohne, dass es einen Schaden davon trägt?

    Reply
    • Esra 10. August 2015 at 21:21

      same here :))
      lg

      Reply
      • Lina Mallon 11. August 2015 at 00:33

        🙂

        Reply
  • Anna 9. August 2015 at 10:02

    Liebe Lina,

    ich kann jedes Wort, das du schreibst, so gut nachvollziehen… Wie oft habe ich schon Whatsapp und Facebook dafür verflucht, dass man mittlerweile sehen kann, wann der virtuelle Gegenüber die Nachricht, die man ihm geschickt hat, gelesen hat… Es ist schon irgendwie nachvollziehbar, dass ab diesem Moment dann zumindest unterbewusst auch auf Antwort gewartet – und diese erwartet – wird. Da kann ich mich leider selber nicht immer ausnehmen und viel zu schnell kommen dann auch solche Gedanken wie „Na toll, er / sie hat es gelesen aber antwortet nicht…“ Dass es tausend Gründe geben kann, warum es gerade nicht passt zu antworten – und sei es „Ich will der Antwort gerecht werden und nicht zwischen Tür und Angel maximal 160 Zeichen rüberklatschen“ geht dabei viel zu oft unter.
    Ich denke, es ist wirklich eine ganz bewusste und immer mal wieder nötige Entscheidung, gelegentlich „digital detox“ (was für eine großartige Wortschöpfung) zu betreiben. Ich merke auch, dass ich mich (bedenklicherweise) inzwischen regelrecht dazu zwingen muss, zumindest anfangs, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine Überwindung, etwas das man im heutigen Zeitalter häufig neu lernen muss – und vor allem etwas, für das man sich gefühltermaßen viel zu sehr rechtfertigen muss. Kein „Ich bin dann mal weg, machts gut!“, sondern tagelanges Ankündigen, Erklären – und im schlimmsten Fall, wie bei dir, auch noch Vorwürfe dafür. Das ist einfach nur FALSCH. Du hast JEDES Recht, auch mal unterzutauchen, auszuspannen, im Offline-Modus zu leben, dir keine Gedanken über Instagram-Tauglichkeit oder Antwortgeschwindigkeit zu machen. Ja, das ist von außen so leicht gesagt. Ich ziehe den Hut vor jedem Menschen, der sich für berufliche Selbstständigkeit entschieden hat und daher auch immer dafür sorgen muss, dass Kundenstamm, Leserschaft etc. erhalten bleiben. Aber trotzdem denke ich, dass für das persönliche Wohlbefinden und vor allem die Energie die ein oder andere Offline-Spritze nicht nur notwendig, sondern eben auch unheilich effektiv ist.
    Ich habe mich über jedes deiner Instagram-Bilder aus Miami wahnsinnig gefreut – aber ich habe mich genausosehr über jede Pause von dir gefreut, weil ich es dir von Herzen gegönnt habe, dass du auch einfach mal ganz für dich urlaubst und genießt. Wenn Leute dir das übel nehmen, ist das für mich absolut nicht nachvollziehbar. Trotzdem habe ich mich tierisch gefreut, als ich eben deinen neuen Blog-Artikel gesehen habe und freu mich, dass du wieder da bist!
    Soweit mein Roman zum Sonntag 😉 Hab einen fabelhaften Tag! Alles Liebe, Anna

    Reply
  • Melli 9. August 2015 at 14:35

    Mal abgesehen von deinem Job (Also das du sowieso deshalb permanent online bist), ist es überlebenswichtig in meinen Augen sich eine offline Zeit zu gönnen. Selbst zu entscheiden, wann und wem du Antwortest! Auch wenn es der heutigen Zeit entspricht alles in der „online Welt“ zu entrichten, heisst das nicht, dass man das richtige Leben missachten sollte! Ich find es ehr Traurig, dass du dich Freunden/ Bekannten gegenüber rechtfertigen musst. Klar hast du ihnen jahre lang den Luxus geschenkt, immer und überall erreichbar zu sein… Aber hey! Ich find es liegt doch klar auf der Hand: Lina wird erwachsener und weiß was gut ist! Quality Time 🙂

    Reply
  • Melanie 9. August 2015 at 20:37

    Es ist wirklich so, dass heutzutage immer davon ausgegangen wird, man ist überall, hat alle Apps installiert und hat immer Zeit zu antworten. Alles muss schnell gehen. Sehr schnell. Ob dabei viel ankommt – egal. Wer Zeit zu lesen hat, hat auch Zeit zu antworten? Mh.

    Internet-freie Zeiten sind auf jeden Fall erholsam.. schade nur, dass das nicht alle so sehen.

    Reply
    • Lina Mallon 10. August 2015 at 06:47

      Ich kann mir fast vorstellen, dass sich eigentlich jeder diese freie Offline-Zeit wünscht. Nur immer nicht dann, wenn er gerade eine Antwort erwartet 😉

      Reply
  • Hella 9. August 2015 at 23:12

    Juchuu, du bist zurück. Sorry, das musste sein. Das mit der Erwartungshaltung, wenn man immer erreichbar ist, kenne ich nur zu gut!
    Liebe Grüße
    Hella von http://www.advance-your-style.de

    Reply
    • Lina Mallon 10. August 2015 at 06:47

      Ich freu mich ja, wenn ihr mich vermisst 🙂

      xx Lina

      Reply
  • Dunja 10. August 2015 at 11:23

    Hallo Lina,

    ich finde es gut, wenn du dazu stehst, auch mal offline zu sein. Jeder sollte das ab und zu mal sein, denn man erlebt so viel mehr, wenn man nicht am Handy/PC/wasauchimmer ist.
    Wenn das einem dann übel genommen wird, ja was soll ich sagen, eigentlich kann man das doch einfach offen und ehrlich ansprechen, dann gibt’s keine Missverständnisse. Und zum beleidigt sein ist das erst recht kein Grund.

    Toller Post, schön dass du einen guten Urlaub hattest 🙂

    Gruß
    Dunja

    Reply
  • Vicky 10. August 2015 at 18:32

    Also ich musste schmunzeln bei dem vorletzten Absatz. Ich habe nämlich neulich einen Mann kennengelernt, der kaum bei Whats App online ist, und falls doch, mir auch nicht schnell zurückschreibt. Wie es mir dabei geht? Super!
    Ich erwarte nämlich von keinem Menschen, dass er immer und überall erreichbar ist. Immer und zu jeder Zeit schreibt. Denn das wahre Leben spielt sich nun mal außerhalb ab. Dafür habe ich vollstes Verständnis und „erlaube“ mir auch mal, mich erst Stunden später zu melden. Das Handy liegt beim Dinner Date mit Freundinnen in der Tasche oder zu Hause auf meinem Tisch, wenn ich spazieren gehe. Wie man sich dabei fühlt? Frei, ungezwungen – und genau mittendrin 🙂

    LG Vicky

    Reply
  • Nina 21. August 2015 at 17:05

    Liebe Lina, da muss ich dir nun wirklich widersprechen.

    Ein Urlaub bzw. eine kleine Auszeit ist doch nun wirklich gerade dafür da, um sich nur mit dem hier und jetzt zu beschäftigen und mal ein paar Tage (oder Stunden) nicht an Arbeit oder an die Lieben daheim zu denken.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass du sehr viel Zeit damit verbringst dich um andere zu kümmern und immer für deine Freunde da bist.
    Mach dir also bitte keine Gedanken darüber, dass mal jemand etwas länger auf Antwort warten musste.

    Reply
  • Leave a Reply

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

    Instagram

    • Maybe it needs a little fear to set courage creativityhellip
    • WHITE WTR  capetown glenbeach travelwithlina
    • Blue hours black tones and simple accessories are my favouritehellip
    • One reason to hit the road before sunrise  hellip
    •   Maybe its all about the balance between enjoyinghellip
    • Saturday mornings in capetown   glenbeach wowsouthafrica travelwithlina twelfapostles
    • You just said no sweets nasirgya  Lunch and lifehellip
    • This is just me in a totally basic early morninghellip
    • Constantia still sleeps   wowsouthafrica travelwithlina capetown winelands withhellip
    • NO FREAKING FILTER  This is actually how sunsets inhellip
    • Summer can be all black everything  this is firsthellip
    • Das perfekte Sandwich fr 22 Grad und Sonnenuntergang auf demhellip